Wer muss gehen? Fatal ist es, wenn "die Guten" sich an dieser Frage nicht die Finger schmutzig machen wollen.
Aber auch für den Rest des politischen Establishments, Medien einmal eingeschlossen, kommt es jetzt darauf an, keine frommen Wünsche als Realitäten zu verkaufen. Wenn die heute Zugewanderten einmal selbst klarkommen, wenn ihre Kinder Jobs haben, dann haben beide Seiten gewonnen. Bis dahin ist es noch weit. Bis dahin wird es auch teuer. Derzeit stehen die vermuteten Kosten der Bundesländer für die Versorgung von Flüchtlingen bei sechs Milliarden Euro im Jahr, und dabei wird es nicht bleiben. Der deutsche Sozialstaat wird sich der neuen Situation anpassen müssen. Je mehr er strapaziert wird, desto kritischer werden die Leute der Einwanderung gegenüberstehen. Man kann nicht zugleich Schweden und Amerika sein. An dieser Stelle hört man oft: Der Libanon hat nichts und hilft trotzdem. Und in Deutschland hat man doch Millionen von Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg integriert. Richtig. Aber erstens spielt es eben eine Rolle, wessen Sprache man spricht. Und zweitens sind die Flüchtlingslager im Libanon Jahrzehnte alt, ihre palästinensischen Bewohner Parias, die sozial völlig chancenlos sind. Da sind die Ansprüche in Deutschland andere. Anerkannte Asylbewerber sollen nach Möglichkeit medizinisch versorgt, ordentlich untergebracht, in den Arbeitsmarkt integriert werden. In den neunziger Jahren verlief die Diskussion ideologischer. Die einen sagten "Asylschmarotzer", die anderen sagten: "Ausländer, lasst uns mit den Deutschen nicht allein." Wer eine Verschärfung des Asylrechts forderte, sah sich schnell unter Naziverdacht. Das ist heute völlig anders. Gerade weil die Solidarität mit Geflüchteten heute nicht mehr unter dem moralischen Druck der deutschen Vergangenheit stattfindet, weil sie freier ist und oft aus Neugier und Interesse erfolgt, gerade deshalb ist sie heute so ein erfreulich verbreitetes Phänomen. Dieses Klima gefährdet, wer Kritikern und Skeptikern soziale Kälte unterstellt
http://www.zeit.de/2015/31/...e-kritik-asylmissbrauch-bundesregierung |