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Sommermärchen an der Börse


01.06.16 12:38
GECAM

Wangen (www.fondscheck.de) - Nach über zwölf Monaten Korrektur und Ängsten an den Aktienmärkten ist die Stimmung weiterhin schlechter als die tatsächliche Lage, so Daniel Zindstein, Leiter Portfoliomanagement des Vermögensverwalters GECAM AG.

Was stehe auch nicht alles in diesen Wochen ins Haus: Brexit, Grexit, US-Zinserhöhung, Spanien-Wahl, Russland-Sanktionen, Türkei-Konflikt, Syrien, Flüchtlinge - lauter vermeintlich schlimme Dinge.

Während die Anleger in solchen Zeiten unreflektiert Anleihen von Staaten kaufen und in Form von Negativrenditen draufzahlen sowie überteuerte Immobilien erwerben würden, in der Hoffnung Sicherheit und Rendite zu erhalten (sehr vermessen), würden die Aktienmärkte nicht so gut laufen. Die meisten seien seit Jahresanfang im Minus, nur wenige im Plus.

Doch von den meisten Anlegern werde übersehen, dass es der Weltwirtschaft gar nicht so schlecht gehe.

In den USA zum Beispiel laufe die Wirtschaft mindestens robust. Ob der konjunkturelle Schwung sogar so stark sei, dass Zinserhöhungen notwendig seien, um einer Überhitzung vorzubeugen, darüber seien sich die Notenbanker noch uneinig. Die Experten würden davon ausgehen, dass im Juni ein Zeitfenster für eine Zinserhöhung bestehe, danach nicht mehr (US-Präsidentschafts-Wahl). Aber auch die Juni-Erhöhung sei aus ihrer Sicht nicht zwingend notwendig. Dies könnte ein Belastungsfaktor sein, der sich sehr bald erledigt bzw. sogar positiv für die Aktienmärkte sein könnte.

In Europa gebe es viele überraschend gute Konjunkturnachrichten. Ein Wirtschaftswachstum im erten Quartal von 0,6% für die Eurozone und 0,7% für Deutschland sei schon sehr gut im historischen Vergleich. Arbeitsmärkte würden sich positiv entwickeln, Automobilabsätze würden seit vielen Monaten zweistellig steigen und die Kreditnachfrage ziehe an, wenn auch langsam. Selbst die Industrieproduktion komme plötzlich in die Gänge, vom heimischen Konsum und der Bauwirtschaft ganz abgesehen. Sogar die Flüchtlingszahlen würden sich auf wundersame Weise reduzieren, zumindest bis jetzt. Der Untergang des Abendlandes sei also zunächst einmal abgesagt.

Und was, wenn in Spanien eine regierungsfähige Mehrheit zustande komme? Könnte das nicht eine positive Nachricht sein? Die unendliche, jährlich wiederkehrende Griechenland-Geschichte sei in den letzten Tagen bereits im Voraus "politisch" geregelt worden, um für die Brexit-Entscheidung am 23. Juni nicht belastend zu wirken. Und was wäre, wenn die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen würden? Was, wenn die Russland-Sanktionen plötzlich aufgehoben würden, weil man Russland zu einer vernünftigen Lösung in Syrien brauche? Ganz nebenbei würde dadurch auch für unsere Milchbauern wieder ein wichtiger Absatzmarkt "geöffnet". Wo stünden denn dann die Märkte? Positive Szenarien wie diese würden komplett ausgeblendet.

In China gelinge der Strukturwandel mit stärkerem Fokus auf Dienstleistungen. Auch wenn die volkswirtschaftliche Datenlage dadurch unübersichtlicher werde. Dort entfalte die expansivere Geldpolitik noch eine realwirtschaftliche Wirkung und Konjunkturprogramme seien weiterhin möglich, würden sie doch unverändert auf fruchtbaren Boden fallen. Die Ölnachfrage steige ebenfalls unaufhörlich, was wahrlich kein Zeichen einer konjunkturellen Schwäche sei.

Nur Japan stehe relativ ratlos vor dem Trümmerhaufen einer jahrzehntelangen expansiven Geldpolitik ohne echte Strukturreformen. Aber selbst dort würden sich die Unternehmensgewinne in Summe nicht wirklich schlecht entwickeln.

Würden die Schwellenländer bleiben, allen voran die rohstoffproduzierenden Nationen. Sehr hoffnungsvoll stimme die Experten die Entwicklung in Südamerika. Nach rund eineinhalb Jahrzehnten staatsinterventionistischer, sozialistischer und von Korruption und Abschottung geprägter Politik, drehe sich nicht nur die Stimmung, sondern es gebe sogar konkrete Änderungen hin zu mehr Öffnung, Marktwirtschaft und freierem Waren- und Dienstleistungsverkehr. Eine Entwicklung, die die Experten positiv stimme, wenn sie auch erst am Anfang stehe. Gekoppelt mit Rohstoffpreisen, welche ihren Boden gefunden haben dürften und damit wieder leichte Anstiegsfantasien für die Zukunft böten, verheiße das durchaus Potenzial für solche, seit vielen Jahren durch Kapitalabzug geprägte, Märkte.

Aktuell würden die meisten Unternehmen Teile ihres Gewinns als Dividenden ausschütten. "Doch was sind schon die mickrigen Dividenden, wenn man die immensen Risiken akzeptieren muss, die Aktien doch haben?" - So würden sicher viele Anleger denken. Wenn man, wie viele Deutsche entweder gar nicht in Aktien oder nur über Zertifikate oder Indexfonds investiert sei, erlebe man die Dividende nicht explizit. Sie bleibe eine abstrakte Zahl. Die Bedeutung der Dividende als Zinsersatz oder als Ergänzung zur Rente werde plastisch erst deutlich, wenn man wirklich direkt Aktien besitze. So habe zum Beispiel die Allianz SE Anfang Mai 7,30 Euro Dividende ausgeschüttet. Bei einem Kurs von rund 140 Euro entspreche das einer Dividendenrendite von 5,21% - wieder so eine abstrakte Zahl könnte man meinen. Habe man aber 70 Allianz-Aktien (ca. 10.000 Euro) direkt im Depot, so werde die Sache sehr schnell konkret. Man habe nämlich 521 Euro ausgezahlt bekommen, cash aufs Konto (ohne steuerliche Betrachtung). Hoppla könnte man meinen, das sei ja echtes Geld. Da brauche es gar keine Kursfantasie mehr, es reiche, wenn jedes Jahr die Dividende fließe.

In anderen Worten ausgedrückt bedeute das, ein Rentner, der seine Ersparnisse in Qualitäts-Aktien angelegt habe, könne auf ein verlässliches und nicht unbedeutendes Zubrot allein aus den Dividendenausschüttungen hoffen. Die Kursentwicklung der Aktien sei für ihn eigentlich zweitrangig. Voraussetzung sei lediglich, dass die Unternehmen weiterhin Gewinne erwirtschaften und Teile davon ausschütten würden. Ein Blick auf die Dividendensumme im deutschen Leitindex DAX zeige, dass man davon sehr verlässlich ausgehen könne. So sei die Summe der ausgeschütteten Dividenden seit dem Jahr 2004 von 14,8 Mrd. Euro auf über 30 Mrd. Euro gestiegen, die aktuell für das Jahr 2015 ausgeschüttet würden. Und das trotz Finanzkrise, Eurokrise, Russlandkrise und Sonstigem, was die Welt vermeintlich ständig in den Abgrund zu reißen drohe.

Eine Aktienkultur, die Aktien als Teil der Altersvorsorge, als Einkommenssurrogat, als Sachwert, der Cash-flow beispielswiese auch für Stiftungen liefere - fehle in Deutschland weitestgehend, werde sich aber ganz sicher weiterentwickeln.

Vor dem Hintergrund des schlechten Jahresstarts und der heftigen Korrekturen des Jahres 2015, seien die Risikobudgets (monetär & psychisch) vieler Anleger erschöpft und es brauche viele gute Nachrichten oder stark laufende Märkte, um arg gebeutelte Investoren wieder zu strategischen Käufen in größerem Umfang zu bewegen. Aus diesem Grund könnten auch die folgenden Monate von Nervosität geprägt sein. Dies ändert jedoch nichts an den eindeutig rechenbaren Renditepotenzialen in Aktien und Unternehmensanleihen, die zum Teil zu Rezessions-Preisen notierten und notieren, so die Experten von GECAM. Von einer solchen sei man jedoch weit entfernt.

Die internationalen Fondsmanager hätten so hohe Cashquoten wie seit 2009 nicht mehr. Das entspreche rund 600 Mrd. US-Dollar, die zur Investition bereits stünden. Aber die Skepsis sei messbar hoch und so würden viele ihr Pulver trocken halten. Auch die Privatanleger sowohl in Amerika und Europa seien ängstlich bezüglich der weiteren Entwicklung, auch wenn sie der Aktienanlage grundsätzlich positiv gegenüberstünden, vor allem im aktuellen Nullzins-Umfeld. Jedoch es fehle der Impuls zur Investition. Ganz grundsätzlich sei eine hohe Skepsis und eine starke Risikoaversion, gepaart mit niedrigen Investitionsquoten der Anleger, aus antizyklischer Sicht kein schlechter Nährboden für steigende Aktienkurse.

Man sollte sich also fragen, wo die Impulse herkommen könnten, die internationalen Investoren Mut machen und sie zu größeren Investitionen bewegen würden. Ein Blick auf die wichtigsten Aktienindices beantworte diese Frage. Die großen US-Leitbarometer wie Dow Jones oder S&P 500 würden nun schon seit rund zwei Jahren konsolidieren und stünden knapp zwei Prozent unter ihren Allzeithochs aus dem Frühjahr 2015. Der in vielen Hausse-Phasen als Schrittmacher fungierende Technologieindex Nasdaq 100 sei davon noch rund fünf Prozent entfernt. Die europäischen Pendants würden zwar viel weiter von ihren Höchstständen entfernt notieren, stünden aber an der Schwelle, langfristige Abwärtstrends zu überwinden. Im DAX wäre dies zwischen 10.500 und 10.800 der Fall.

Sollten die wichtigen Termine im Juni (Brexit-Referendum, Spanien-Wahl, US-Zins-Entscheidung, Europameisterschaft) ohne große Verwerfungen vonstattengehen, oder sogar positiv überraschen, so wäre das der Impuls, wichtige Aktienmärkte über neuralgische, charttechnisch bedeutende Marken zu heben. Große, strategische Investoren seien naturgemäß Trendfolger, d.h. sie müssten an solchen Signalmarken investieren, was nicht unerhebliches Anschlusspotenzial freisetzen würde.

Die Experten würden in diesem Sinne allen Anlegern spannende politische Entscheidungen im Juni wünschen, die auch als Chance begriffen werden sollten. Es könnte ein Sommermärchen in vielerlei Hinsicht werden. (01.06.2016/fc/a/m)