Silber kleiner Bruder von Gold?


02.09.11 16:10
Commerzbank Corp. & Markets

Frankfurt (aktiencheck.de AG) - Silber wird häufig bereits in einem Atemzug mit Gold als alternative Währung und "sicherer Hafen" genannt, so die Analysten von Commerzbank Corporates & Markets.

In der Tat sei Silber in der Vergangenheit für eine lange Zeit Zahlungsmittel, offizielle Währung und wertbeständiges Aufbewahrungsmittel gewesen. Aber wie viel von seiner einstigen Funktion habe heute noch Bestand? Die Analysten würden darlegen, warum sie Silber im Gegensatz zu Gold nach wie vor eher als zyklisches "Industriemetall" denn als werterhaltendes Edelmetall betrachten würden, würden aber auch betonen, dass seine alte Funktion in Zukunft wieder mehr an Bedeutung gewinnen könnte.

Silber, das auch als "kleiner Bruder von Gold" bekannt sei, besitze mehr die Eigenschaften eines zyklischen, industriellen Rohstoffes, als dass es wie Gold als "Alternativwährung" bezeichnet werden könnte, und zwar gleich aus mehreren Gründen: So spreche die unterschiedliche Nachfrage/Angebotssituation der beiden Edelmetalle für eine unterschiedliche Bewertung ihrer Funktionen. So sei der Anteil der industriellen Nachfrage an der Gesamtnachfrage bei Silber sehr hoch. Dieser habe nämlich in den vergangenen zehn Jahren bei durchschnittlich rund 62% gelegen. Bei Gold hingegen habe er 2010 nur bei weniger als 12% gelegen. Das bedeute, dass nur etwa jede dritte Silberunze für nicht-industrielle Zwecke nachgefragt worden sei. Ein Großteil der Silbernachfrage unterliege daher konjunkturellen Schwankungen.

Darüber hinaus gebe ein Blick auf die Terminkurven einen guten Einblick in die unterschiedliche Bewertung der beiden Edelmetalle durch die Marktteilnehmer. Gold befinde sich stets in "Contango", d. h. weise eine ansteigende Terminkurve. Das sei vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Zentralbanken jederzeit bereit seien, Gold an zugelassene Banken, die sog. Bullionbanken, auszuleihen, weshalb zu keinem Zeitpunkt eine Knappheit eintreten könne und der Terminpreis "Leihgebühren" bzw. Finanzierungskosten beinhalte. Die Zentralbanken würden also bei Gold ähnlich wie bei anderen Währungen als Geldgeber der letzten Instanz agieren.

Silber hingegen habe sich seit 1975 an 166 Tagen bzw. 1,7% der Zeit in "Backwardation" befunden. Davon habe Silber allein in diesem Jahr 65 mal bzw. 37% der Zeit in Backwardation gelegen. Diese Konstellation sei typisch für Rohstoffe und nicht Währungen und zeige vor allem die aktuelle Einengung des Angebots. In diesem Jahr habe die starke Nachfrage der Anleger und der Industrie diese Knappheit verursacht. Somit verhalte sich Silber nicht wie ein monäteres Gut, sondern wie ein knapper Industrierohstoff und werde auch als solcher wahrgenommen.

Dass Silber nicht über denselben monetären Charakter verfüge wie Gold, zeige sich auch am Verhalten des offiziellen Sektors. Die Zentralbanken einschließlich des IWF würden nach wie vor mehr als 30.000 Tonnen Gold in ihren Reserven halten. Die Notenbanken würden zudem seit dem zweiten Quartal 2009 mit einer Ausnahme wieder als Nettokäufer am Goldmarkt auftreten. Dies zeige, dass Gold von den Zentralbanken weiterhin als Reservewährung erachtet werde. Silber hingegen erfahre eine derartige Wertschätzung seitens des offiziellen Sektors nicht.

Zentralbanken würden kein Silber in ihren Währungsreserven halten. Außer Gold bestünden diese Reserven ausschließlich aus Papiergeldforderungen. Gegen eine Nutzung von Silber als Reservemetall würden wahrscheinlich vor allem logistische Gründe sprechen. Um den gleichen Wert an Silber zu lagern, seien bei derzeitigen Marktpreisen etwa 80-mal größere Lagerkapazitäten notwendig, als im Falle von Gold. Denn Silber sei nicht nur deutlich billiger als Gold, sondern habe eine nur halb so hohe Dichte. Von daher dürften Zentralbanken Gold auch in Zukunft den Vorzug geben.

Im Gegensatz zu Gold seien bei Silber in den vergangenen Jahren die staatlichen Bestände sogar kontinuierlich abgebaut worden. Allein im vergangenen Jahr habe es laut Angaben des auf Edelmetalle spezialisierten Researchunternehmens GFMS staatliche Silberverkäufe von knapp 1.400 Tonnen gegeben. Die gesamten staatlichen Bestände sollten sich GFMS zufolge Ende 2010 nur noch auf 3410 Tonnen belaufen haben. Hierbei handle es sich allerdings nicht um Zentralbankreserven, sondern um Bestände, welche außerhalb des Zentralbanksystems gehalten würden.

Insbesondere Russland sei dabei als Verkäufer von Silber aufgetreten. Dieselbe Rolle spiele Russland auch bei Palladium, einem anderen Edelmetall mit vorrangig industrieller Verwendung. Der Umstand, dass die Russische Zentralbank kontinuierlich Gold auf dem heimischen Markt aufkaufe, nicht jedoch Silber, mache den Unterschied zwischen den beiden Edelmetallen in der Wahrnehmung des offiziellen Sektors ebenfalls deutlich.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, welcher gegen Silber als monetäres Metall spreche, sei, dass es im Gegensatz zu Gold in Krisenzeiten keine Wertstabilität verspreche, sondern bei konjunkturellen Abschwüngen mit in den allgemeinen Abwärtssog gezogen werde. So verliere es in den zehn stärksten Quartalsabschwüngen des realen US-Bruttoinlandsproduktes seit 1968 im Schnitt 4,5% seines Wertes. Zum Vergleich: Gold könne dagegen in den entsprechenden Quartalen durchschnittlich um 18% hinzugewinnen. Für das Halten von Gold spreche, dass es als eine Art Versicherung gegen globale Turbulenzen diene. Silber aber sei hierfür jedoch ungeeignet, sondern überzeuge nur in konjunkturell guten Zeiten.

Allerdings sei im vergangenen Jahrzehnt ein interessanter Trend zu erkennen. Mit nur noch 53% an der gesamten Nachfrage habe sich der Anteil der Industrie im Jahr 2010 deutlich verringert. Die dafür erstarkende Investmentnachfrage in Form von Silber-ETFs und Münzverkäufen deute darauf hin, dass Silber als Wertgegenstand wieder an Bedeutung gewinne. Sollte sich dieser Trend weiter fortsetzen, erscheine ein Comeback des weißen Edelmetalls als wertstabile Anlage und Alternativwährung wieder möglich. Zum jetzigen Zeitpunkt allerdings sei festzuhalten, dass Silber nach wie vor mehrheitlich die Charakteristika eines klassischen Rohstoffes aufweise. (02.09.2011/ac/a/m)





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