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Der Ölpreis zählt


01.03.16 17:05
Natixis Global AM

Paris (www.fondscheck.de) - Ölschwemme oder emotionale Reaktion? Anfang des Jahres sind die Ölpreise auf unter 30 US-Dollar pro Barrel gesunken, so die Experten von Natixis Global AM.

Grund hierfür seien Befürchtungen im Zusammenhang mit einem Überangebot auf dem Ölmarkt gewesen. Dazu habe auch die rückläufige Nachfrage aus China, wo die Konjunktur zurzeit an Fahrt verliere, beigetragen. In der Folge seien die Finanzmärkte weltweit praktisch in eine Baisse-Phase abgerutscht.

Nachfolgend würden die Investmentexperten von Natixis Global Asset Management erläutern, welche Konsequenzen die niedrigen Ölpreise ihrer Meinung nach für Aktien- und Anleiheninvestoren sowie für das Verhältnis von Angebot und Nachfrage haben würden. Darüber hinaus würden sie erläutern, welche Anlagechancen die jüngste Verkaufswelle am Markt eröffnet habe.

Wie es mit der Achterbahnfahrt an den Börsen weitergeht, kann keiner voraussagen, so Jörg Knaf, Executive Managing Director - DACH Countries bei Natixis Global Asset Management. Gemessen an anderen Märkten und mit Blick auf die Konjunktur stehe Europa aber besser da als andere Regionen. Egal in was man investiere, man müsse starke Nerven haben - oder ein standfestes Portfolio, gespickt mit nicht korrelierenden alternativen Anlagen. Jetzt sei also aktives Management gefragter denn je.

Neben dem nachlassenden Wachstum in China sorgt man sich an den Aktienmärkten weltweit vor allem um die weitere Entwicklung des Ölpreises, so David Herro, CFA®, CIO International Equities Harris Associates. Aber sei es für die Märkte wirklich so schrecklich, dass der Ölpreis buchstäblich eingebrochen sei? Die Experten würden den Ökonomen vermutlich deshalb keine Aufmerksamkeit mehr schenken, weil sie einige Jahre zuvor noch einen Ölpreis von bis zu 200 US-Dollar pro Barrel prophezeit hätten. Mittlerweile liege der Ölpreis aber nur noch bei rund 30 US-Dollar pro Barrel und das Pendel neige sich offenbar ins andere Extrem.

Die Nachfrage nach Öl sei allerdings nicht so massiv eingebrochen, wie es das aktuelle Preisniveau vermuten lasse. Vielmehr ziehe die Ölnachfrage mittlerweile sogar wieder an. So sei die Zahl der durchschnittlich gefahrenen Meilen in den USA nach Angaben des US-Verkehrsministeriums um über 4% gestiegen. Als die Öl- und Benzinpreise noch hoch gewesen seien, sei die Zahl der gefahrenen Meilen hingegen zurückgegangen. Gleichzeitig würden sich die Kunden momentan um spritfressende SUVs reißen, während Hybridmodelle bei den Händlern Staub ansetzen würden. Man passe sich also an das derzeitige Preisniveau an, denn sei es nun zu Recht oder zu Unrecht: Die Menschen würden mehr fahren und außerdem größere Fahrzeuge kaufen.

Falls die Weltwirtschaft in den nächsten fünf Jahren also tatsächlich so kräftig wachsen sollte, wie die Weltbank erwarte, werde man auch in Zukunft immer mehr Öl benötigen.

Die kostspieligsten Ölvorkommen und -reserven lägen vor den Küsten und würden etwa 20% des gesamten Ölangebots repräsentieren. Falls die Unternehmen aber nicht mehr Geld in die Offshore-Förderung investieren würden, werde dieses Segment um 8% bis 12% pro Jahr schrumpfen. Angesichts eines Ölpreises von deutlich unter 80 US-Dollar pro Barrel werde die Offshore-Förderung jedoch praktisch unerschwinglich. Deshalb würden die Experten damit rechnen, dass das Angebot an Offshore-Öl noch rasanter zurückgehen werde. Dadurch werde dann auch das Ölangebot insgesamt sinken.

Im Januar seien die Aktienkurse weltweit deutlich gefallen. Nach Meinung der Experten werde der Wert hochqualitativer Unternehmen dadurch aber langfristig nicht beeinträchtigt. Vielmehr eröffne diese Entwicklung sogar eine attraktive Kaufgelegenheit, um von den Wertschwankungen am Markt, die durch diverse nichtfundamentale Faktoren ausgelöst worden seien, zu profitieren.

Darüber hinaus müsse man sich auch vor Augen führen, dass niedrige Energiepreise den Konsumenten sehr zugute kommen könnten. Schließlich würden sie nun weniger Tank- und Heizkosten bezahlen. Die Verbraucher hätten also mehr Geld in der Tasche, das sie ausgeben könnten, um damit die Wirtschaft anzukurbeln.

Trotz der stark gesunkenen Ölpreise sowie anderer volkswirtschaftlicher Probleme, die im Januar an den Märkten eine Verkaufswelle ausgelöst haben, sollten langfristig ausgerichtete Investoren nicht übermäßig besorgt sein, so Chris Wallis, CFA®, CEO, CIO bei Vaughan Nelson Investment Management. Vielmehr habe diese Entwicklung sogar Anlagechancen, die der Markt zurzeit noch unterschätze.

Einer der aktuell weltweit preiswertesten Vermögenswerte sei das Barrel Öl. Die Experten seien der Ansicht, dass die gesamte E&F-Branche, also die Exploration und Förderung der Öl- und Gasindustrie, den Betrieb einstellen müsste, wenn der Ölpreis dauerhaft bei 30 US-Dollar pro Barrel verharren würde. Es müsse sich also zweifellos etwas ändern. Deshalb würden die Experten damit rechnen, dass die Ölpreise im Jahr 2016 wieder anziehen würden. Darüber hinaus gebe es in diversen Sektoren - von der Ölbranche über die Industrie bis hin zum Einzelhandel - momentan beträchtliche Überschussbestände. Sobald diese Lagerbestände abgebaut worden seien, dürfte der Preis wieder nach oben gehen.

Obwohl man es derzeit weltweit mit einem Überangebot an Öl zu tun habe, gehe dieses allmählich deutlich zurück. In den USA etwa seien bereits genügend Förderanlagen stillgelegt worden. Nach Meinung der Experten belaufe sich das aktuelle Überangebot auf lediglich rund 1,5 Mio. Barrel und sei damit wesentlich niedriger als noch in den 1980er Jahren, als die OPEC-Staaten und Saudi-Arabien deutlich mehr Überschusskapazitäten gehabt hätten. Seinerzeit hätten diese Länder über Jahre hinweg zu viel Öl fördern und so ihre Mitbewerber verdrängen können. Inzwischen würden diese Staaten jedoch nicht mehr über ein derartiges Überangebot verfügen.

Darüber hinaus bedürfe es übrigens gar keiner grundlegenden Veränderung beim Nachfragewachstum, um die weltweiten Lagerbestände abzubauen. Schließlich könne gar nicht so viel Öl gefördert werden, wie bei einem Preis von 35 US-Dollar pro Barrel benötigt werde. Den Wirtschaftsdaten zufolge sei die Ölnachfrage nämlich ungebrochen hoch. Deshalb würden die Experten ganz grundsätzlich davon ausgehen, dass man es in einem bis anderthalb Jahren wieder mit einem knappen Angebot an Öl zu tun haben werde - vorausgesetzt natürlich, die Nachfrage breche nicht massiv ein.

Bei sinkenden Ölpreisen ziehe die Nachfrage tendenziell an. Deshalb nehme die Nachfrage zurzeit auch wieder langsam zu und das recht kräftig. Nach Ansicht der Experten könne man die weltweite Energienachfrage auch bei einem Preis von rund 90 US-Dollar pro Barrel decken. Und bei 80 bis 90 US-Dollar je Barrel müsse man wahrscheinlich nicht einmal auf Offshore-Vorkommen zurückgreifen. Aus diesem Grund könnten Offshore-Förderer ebenso wie ihre Zulieferer vermutlich aus dem Geschäft gedrängt werden. Dies aber werde das Ölangebot dann natürlich noch zusätzlich einschränken.

Kleinere Unternehmen aus ausgewählten Segmenten des Energiesektors würden momentan vielversprechende Anlagechancen bieten. So würden die Experten damit rechnen, dass sich etwa Raffinerie-Dienstleister positiv entwickeln dürften. Allerdings mache der Markt auf Einzeltitelebene im Moment einfach keine Unterschiede und differenziere nicht genug. Angesichts der jüngsten Verkaufswelle seien die Aktien dieser Unternehmen deshalb mittlerweile attraktiv bewertet. In Houston gebe es ein Sprichwort: "Geh im Westen short, im Osten long." Die Raffinerien würden sich im Osten der Stadt befinden.

Im Allgemeinen würden die Experten bei Vaughan Nelson aber in Zeiträumen von drei Jahren - und nicht von drei Monaten denken. Deshalb seien die kurzfristigen Auswirkungen der Ölpreise für die Experten eher nachrangig.

Unter Berücksichtigung aller Wirtschafts- und Fundamentaldaten am Markt sind wir nicht der Ansicht, dass die aktuelle Tendenz der Ölpreise für eine globale Rezession spricht, so David Lafferty, CFA®, Chief Market Strategist bei Natixis Global Asset Management.

Der Preisverfall beim Öl von über 100 US-Dollar pro Barrel von Mitte 2014 auf fast 28 US-Dollar je Barrel (Stand: 20. Januar) sei vielmehr durch einen komplexen Mix von Faktoren ausgelöst worden. Dazu würden eine schleppende Nachfrage, ein steigendes Angebot und ein stärkerer US-Dollar zählen.

Natürlich sei die weltweite Nachfrage derzeit zwar keineswegs robust, aber sie steige nach wie vor an. Insgesamt würden die Experten davon ausgehen, dass der aktuelle Rückgang der Ölpreise nicht auf eine unzureichende Nachfrage zurückzuführen sei: Er sei im Wesentlichen eine Folge des Überangebots. Der zunehmende Einsatz der Fracking-Technologie in den USA habe in Verbindung mit dem Widerwillen der OPEC-Staaten, ihre Förderung zu drosseln, zu einem Überangebot geführt, das die Preise nach unten treibe. Und da die Experten den Preiseinbruch beim Öl in erster Linie der Angebots- und nicht der Nachfrageseite zuschreiben würden, handele es sich dabei kaum um einen Vorboten einer weltweiten Rezession.

Außerdem würden die Experten mit einem moderaten Konsumwachstum rechnen, weil die Arbeitnehmer wegen der gesunkenen Ölpreise im Vergleich zu 2015 mehr Geld in der Tasche hätten, das sie ausgeben könnten.

Die Experten würden Öl auf dem aktuellen Preisniveau für deutlich unterbewertet halten. Obwohl die Grenzkosten für die Förderung sowohl auf regionaler Ebene als auch je nach Förderanlage variieren würden, dürfte ein Preis von unter 40 US-Dollar pro Barrel letztlich zu einer sinkenden Produktion führen.

Derzeit seien einige Förderer aber noch abgesichert, weil sie ihre zukünftigen Fördermengen bereits zu höheren Preisen verkauft hätten. Die Experten würden davon ausgehen, dass einige Staaten die Produktion sogar noch weiter erhöhen würden, weil die niedrigeren Preise große Löcher in ihre Staatshaushalte reißen und die Sozialausgaben beeinträchtigen würden. Außerdem lägen die aktuellen Lagerbestände beim Öl auf einem historischen Hoch.

Dieses Umfeld werde jedoch nicht auf Dauer anhalten. Die Experten würden auf lange Sicht mit einer sinkenden Ölförderung rechnen, sodass das Angebot irgendwann auch wieder der schleppenden Nachfrage entsprechen werde. Im Rahmen dieses neuen Gleichgewichts von Angebot und Nachfrage sollte der Ölpreis dann wieder auf 45 bis 65 US-Dollar pro Barrel anziehen. Das aber könnte durchaus noch sechs bis 18 Monate dauern. (01.03.2016/fc/a/m)