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Eurozone leidet unter Einbruch des Welthandels


02.04.09 15:34
Erste Group Research

Wien (aktiencheck.de AG) - Der dramatische Einbruch des Welthandels führt nun zu einer Abwärtsbeschleunigung der Wirtschaft in der Eurozone im ersten Quartal, so die Analysten von Erste Group Research.

Insbesondere Volkswirtschaften mit einer hohen Exportorientiertheit (wie zum Beispiel Deutschland) würden davon stark getroffen. Die Auftragsrückgänge würden sich in signifikant geringeren Produktionszahlen widerspiegeln. So sei die Industrieproduktion in der Eurozone im Januar um 17,3% geschrumpft, jene Deutschlands sogar beinahe um 20%.

Durch niedrige Produktionszahlen seien die Kapazitäten nicht ausgelastet. Dies wirke sich nicht nur negativ auf die Unternehmensergebnisse aus, es sinke dadurch auch der Bedarf an neuen Investitionen. Die Unsicherheit über Ausmaß und Dauer der Rezession lasse zudem die Bereitschaft für Investitionen sinken.

Wenngleich der Private Konsum möglicherweise aufgrund der fallenden Teuerungsrate vereinzelt Impulse generieren können werde, so bleibe die allgemeine Konsumneigung angesichts des wirtschaftlichen Ausblicks und der drohenden Konsequenzen für den Arbeitsmarkt voraussichtlich gedämpft. In Summe rechne man damit, dass der Private Konsum heuer bestenfalls stagnieren werde. Lediglich öffentliche Ausgaben sollten einen positiven Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung liefern. Der wirtschaftliche Abschwung erfolge somit auf breiter Basis.

Derzeit würden sich einige Stimmungsindikatoren auf historisch niedrigen Niveaus befinden und noch keine Trendwende oder Verlangsamung des Wirtschaftsabschwunges andeuten. Der ifo-Index gebe allerdings bereits Anlass zur Hoffnung, dass im dritten oder vierten Quartal tatsächlich die konjunkturelle Talsohle durchschritten werden könnte.

Zusätzlich zu der noch stärker als von den Analysten erwarteten Abwärtsdynamik im ersten Quartal, sollte die jüngste Befestigung des Euro gegenüber dem US-Dollar belastend für die Exporttätigkeit wirken, vor allem, wenn der Euro-Außenwert weiter zügig ansteige. Man habe bereits darauf hingewiesen, dass Wechselkursveränderungen sowie protektionistische Maßnahmen, die den Wettbewerb verzerren könnten, ein Abwärtsrisiko für die BIP-Analystenprognose darstellen würden.

Belastend wirke auch, dass sich die Kreditqualität bei manchen Unternehmen durch das Tempo des Abschwungs zügig verschlechtern könnte, wodurch Unternehmen ungünstigere Finanzierungskonditionen in Kauf nehmen müssten (Gefahr negativer Effekte einer Spirale zwischen Finanz- und Realwirtschaft). Man werde in den kommenden Wochen noch einige Indikatoren beobachten, möchte aber bereits jetzt herausstreichen, dass das Abwärtsrisiko für die BIP-Analystenprognose überwiege.

Der Verfall der Rohstoffpreise und der durch den Wirtschaftsabschwung bedingte Nachfragerückgang hätten zu einer schnellen Rückbildung der Inflation geführt. Während die Teuerung Mitte 2008 noch bei 4% gelegen habe, habe sie im Februar 2009 nur mehr 1,2% betragen. Im ersten Halbjahr 2009 sollte sich die Inflation noch deutlich abschwächen und sehr niedrige Werte erreichen. Im vierten Quartal erwarte man eine Stabilisierung aufgrund von Basiseffekten (Energiepreisen).

Wenngleich sich die steigende Arbeitslosigkeit und das Überangebot in den kommenden Monaten preisdämpfend auswirken sollten, so erwarte man keine Deflation in der Eurozone. Dieses Risiko sei aufgrund der unflexibleren Arbeitsmärkte und der herrschenden Wettbewebssituation wesentlich geringer im Euroland als beispielsweise in den USA. Im Durchschnitt erwarte man für 2009 eine Inflationsrate von 0,8%.

Die EZB habe im März den Leitzinssatz aufgrund der wirtschaftlichen Eintrübung und der dadurch stärkeren Rückbildung der Inflation auf einen historischen Tiefststand von 1,5% gesenkt. Man rechne Anfang April und Anfang Mai mit einer weiteren Reduktion des Leitzinssatzes um jeweils 25 Basispunkte, sodass danach ein Niveau von 1% erreicht werden sollte. Durch das eingeschränkte Deflationsrisiko bestehe die Möglichkeit, dass die EZB die Zinsen zwar nicht weiter absenke, allerdings ankündige, den Leitzinssatz einige Zeit auf diesem niedrigen Niveau belassen zu wollen. Im Rahmen ihrer Geldpolitik habe die EZB im Gegensatz zu anderen Notenbanken noch weiteren zinspolitischen Spielraum, wie beispielsweise die Ausweitung der Fristen und Senkung der Konditionen bei Finanzierungen für Banken.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise habe die Risikoaversion der Investoren erhöht und daher hätten insbesondere kurzfristige Staatsanleihen als sicherer Hafen gegolten, wodurch sich die Zinskurve massiv versteilert habe. Weitere schwache Wirtschaftsdaten und bevorstehende Zinssenkungen sollten die Renditen zweijähriger Staatsanleihen noch weiter fallen lassen. Der erhöhte Finanzierungsbedarf der öffentlichen Haushalte werde in Europa durch Emission weiterer Staatsanleihen aufgebracht werden müssen. Investoren könnten bei längeren Laufzeiten eine höhere Verzinsung fordern, was die Renditen mittelfristig steigen lassen könnte.

Da die EZB noch nicht den vollen zinspolitischen Spielraum ausgenützt habe, erwarte man nicht, dass sie vorerst - ähnlich wie die FED - langfristige Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen auf dem Sekundärmarkt kaufen werde, um die Finanzierungskosten niedrig zu halten. Für höhere Renditen spreche auch, dass die expansivere Geldpolitik mittelfristig (sobald sich die Wirtschaft erhole) zu einer erhöhten Güternachfrage und damit einer steigenden Inflation führen sollte, was bei längeren Laufzeiten ebenfalls für steigende Renditen sprechen würde. (Ausgabe 2. Quartal 2009) (02.04.2009/ac/a/m)