Erweiterte Funktionen

Europa: Unheimliche Stille nach dem britischen Referendum


01.09.16 16:59
Vontobel Asset Management

Frankfurt (www.fondscheck.de) - Der Ausgang der Brexit-Abstimmung in Großbritannien war eine vermeintliche Katastrophe, die nicht eingetreten ist, so Christophe Bernard, Vontobel-Chefstratege.

Natürlich werde es Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes geben, und natürlich seien die europäischen Regierungschefs noch immer über das Ergebnis des Referendums entsetzt. Nichtsdestotrotz gehe in der Europäischen Union alles seinen gewohnten Gang, auch wenn am Horizont bereits die nächsten Bedrohungen auftauchen würden, wie beispielsweise die anstehende Abstimmung über die italienische Verfassung.

Zwei Monate nach dem "Schockergebnis" des britischen Referendums zugunsten eines Austritts des Landes aus der Europäischen Union (EU) lohne es sich, einen Blick auf die bisherigen Auswirkungen zu werfen. Aus Sicht der Wirtschaft habe sich die Stimmung der Verbraucher und Unternehmen in Großbritannien gemäß Umfragen deutlich eingetrübt, was für die Zukunft auf eine schwächere Wirtschaftstätigkeit schließen lasse.

Ähnlich negativ seien die Aussichten bei den Einstellungen und den geplanten Investitionen. Solide Einzelhandelsumsätze im Juli und gute Arbeitsmarktdaten würden jedoch diesen düsteren Aussichten widersprechen. Angesichts der vielen Unbekannten auf Großbritanniens Weg aus der EU würden sich die Experten jedoch dazu veranlasst sehen, ihre Einschätzung, dass die britische Wirtschaft massiv unter Druck geraten werde, zu bekräftigen. Trotz alledem habe die beispiellose Entscheidung eines EU-Mitglieds, die Gemeinschaft zu verlassen, bisher keine erkennbaren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft gehabt.

Aus Sicht der Finanzmärkte sei das Pfund Sterling - wie erwartet - das größte Opfer der britischen Abstimmung und habe handelsgewichtet um 10 Prozent abgewertet. Die Bank of England (BoE) habe sowohl die Zinsen gesenkt als auch ihr Anleihenkaufprogramm ausgeweitet. Dies habe zu massiven Renditerückgängen bei den britischen Staatsanleihen (Gilts) und in der Folge einem Aufwärtstrend bei den Preisen von anderen Staatsanleihen geführt.

Nach einer kurzzeitigen Korrektur hätten die Aktien- und Kreditmärkte wieder zugelegt, wobei der S&P 500 neue Rekordstände verzeichnet habe. Das Zögern der US-Notenbank FED, die Geldpolitik zu verschärfen, habe dazu beigetragen, den US-Dollar unter Kontrolle zu halten. Gleichzeitig habe die Lockerung der Geldpolitik seitens der BoE die globale Jagd nach Rendite angeheizt. Insbesondere Schwellenländeranlagen hätten deshalb beeindruckende Zuflüsse zu verzeichnen vermocht.

Aus Sicht der Politik sei die Reaktion der EU auf das folgenschwere Brexit-Ereignis in Großbritannien bisher zurückhaltend ausgefallen. Es bleibe abzuwarten, ob die 27 "verbleibenden" EU-Staaten bei ihrem Sondergipfel in der slowakischen Hauptstadt Bratislava im September überzeugende Lösungen für die vorliegenden Probleme - Grenzsicherung, Migration und weiterhin träges Wirtschaftswachstum - finden würden. Es sei kein Zufall, dass der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi Initiativen zur Wiederbelebung des europäischen Projekts anrege, denn zu Hause sehe er sich im Vorfeld eines wichtigen Verfassungsreferendums in diesem Jahr mit einer zunehmend euroskeptischen Wählerschaft konfrontiert.

Unterdessen könnten die italienischen Banken nach dem jüngsten europäischen Stresstest unter Druck geraten. Mehrere Initiativen zum Umgang mit notleidenden Krediten in Italien hätten bestehende Zweifel an der Stabilität der italienischen Banken nicht zerstreuen können. Trotz der systemischen Risiken in diesem Sektor würden die europäischen Behörden noch immer erschreckend wenig Flexibilität im Hinblick auf die Interpretation der Regelungen für das "Bail-in" zeigen - also das Geradestehen für Schulden nicht durch den Staat, sondern durch private Anleiheninvestoren und im Extremfall auch Sparer - und staatliche Beihilfen für Banken.

Was Spanien betreffe, so sei es der euroskeptischen Protestpartei Podemos nach der Brexit-Abstimmung entgegen den Erwartungen nicht gelungen, an ihren Erfolg bei der ersten Runde der Parlamentswahlen anzuknüpfen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde es ein Regierungsbündnis zwischen den Parteien Partido Popular und Ciudadanos geben.

Zwei grundlegende Fragen würden die Anleger beschäftigen. Erstens: Welchen Kurs verfolge das FED in Zukunft? Diese Frage stelle sich, da die mächtigste Zentralbank der Welt ihr Doppelmandat der Vollbeschäftigung und einer Inflation nahe der Marke von 2 Prozent im Wesentlichen erfüllt habe. Und zweitens: Wie sollten Portfolios in Zeiten hoher absoluter Bewertungen für Aktien und Anleihen positioniert werden? Das FED habe nach seinem Zinsschritt im Dezember 2015 weitere Zinserhöhungen ausgesetzt und sei angesichts der Risiken für die globale Konjunktur - wie beispielsweise dem wirtschaftlichen Abschwung in China oder dem britischen Referendum - insgesamt lieber auf Nummer sicher gegangen. Diese Zeit der Verwirrung könnte sich nun dem Ende nähern.

Nach einem schwachen ersten Halbjahr würden die Experten davon ausgehen, dass die amerikanische Wirtschaft im Laufe des zweiten Halbjahrs 2016 - getrieben durch die Verbrauchernachfrage und ein Ende des Lagerabbaus - an Fahrt gewinnen werde. Darüber hinaus scheine das amerikanische Verarbeitende Gewerbe den Doppelschlag aus Dollar-Aufwertung und einbrechenden Investitionen im Energiebereich verdaut zu haben. Trotz gemäßigtem Inflationsdruck liege die Kerninflationsrate über oder nahe dem 2-Prozent-Ziel des FED. Die Experten würden deshalb erwarten, dass Notenbankchefin Janet Yellen die US-Leitzinsen in diesem Jahr um einen weiteren Viertelpunkt anheben werde.

In Europa und Japan werde zunehmend deutlich, dass die Geldpolitik an ihre Grenzen stoße, und dass Null- oder Negativzinsen gravierende Auswirkungen für Sparer, Pensionskassen und Geschäftsbanken hätten. Darüber hinaus würden die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan damit zu kämpfen haben, den Umfang ihrer Anleihenkaufprogramme aufrechtzuerhalten, da das Angebot dieser Wertpapiere irgendwann einmal knapp werde. Aus diesem Grund verlagere sich der Fokus logischerweise auf die Fiskalpolitik, zum Beispiel höhere staatliche Ausgaben.

Japan sei dabei, ein umfangreiches staatlich gestütztes Konjunkturpaket aufzulegen. Die EU ihrerseits scheine gegenüber Haushaltsüberschreitungen in Ländern wie Spanien und Portugal langsam mehr Toleranz zu zeigen. Auch in den USA stehe die fiskalische Expansion weit oben auf der Tagesordnung der beiden Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump.

In diesem Umfeld hätten die Experten ihr Engagement in Schwellenländeranleihen und hochverzinslichen Unternehmensanleihen aufgrund der Bewertungen leicht verringert, würden jedoch an ihrer "leichten Übergewichtung" von Aktien festhalten. Die Positionen der Experten in Schweizer und deutschen Staatsanleihen seien "stark untergewichtet". Die Experten würden nach wie vor US-Treasuries, sowohl konventionelle als auch inflationsgeschützte bevorzugen. Zudem hätten die Experten schrittweise ihre Barbestände erhöht, um Chancen nutzen zu können. (01.09.2016/fc/a/m)