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Europa mit Abschlag


30.09.16 09:00
GECAM

Wangen (www.fondscheck.de) - Aktuell sind wir diesseits des Atlantiks nahezu täglich gezwungen, uns mit dem US-Präsidentschaftswahlkampf zu beschäftigen, so Daniel Zindstein, Leiter Portfoliomanagement des Vermögensverwalters GECAM AG.

Die Medien würden darüber gefühlt mehr berichten, als über die viel unmittelbarer betreffenden politischen Themen in Europa. Und diese gebe es wirklich in beträchtlicher Anzahl.

Da sei zum Beispiel die Dauer-Regierungs-Krise in Spanien. Nach zwei Parlamentswahlen gelinge es den dortigen Parteien nicht, sich auf eine handlungsfähige Regierungskoalition zu einigen. Zu verhärtet seien die ideologischen Grenzlinien und die persönlichen Verletzungen aus den Wahlkämpfen der letzten Jahre. Leider könnte man sagen, denn eigentlich stehe es um die spanische Wirtschaft gar nicht so schlecht. Sie habe in den letzten Jahren mit die stärksten Wachstumsraten in Europa verzeichnet und jüngst habe sich sogar der Immobilienmarkt erholt. Allerdings stehe möglicherweise bereits die dritte Parlamentswahl innerhalb von zwölf Monaten ins Haus - eine Bankrotterklärung für das politische System.

In Portugal sei eine linksgerichtete Minderheitsregierung im Amt, die mühsam errungene Reformen der letzten Jahre zurückdrehe. Leider zum Preis einer stark gestiegenen Neuverschuldung, die das Land wieder in die Nähe weiterer europäischer Stützungsmaßnahmen zwinge.

Um Griechenland sei es merkwürdig still geworden. Die Milliardenzuschüsse aus Brüssel würden die weiterhin strukturell katastrophalen Zustände der dortigen Volkswirtschaft verhüllen. Reformen würden zwar unter dem Druck der Geldgeber im Parlament unter heftigen Wortgefechten beschlossen, Umsetzungen würden jedoch, wenn überhaupt, nur auf dem Papier stattfinden. Profitieren könne das Land aktuell jedoch vom zunehmenden Tourismus-Strom, der sich seit dem türkischen Putsch wieder verstärkt nach Hellas orientiere.

Italien stehe vor der wichtigsten Abstimmung der letzten Jahrzehnte. Premierminister Renzi lasse am 4. Dezember 2016 das Volk über eine Verfassungsreform abstimmen, die aus Sicht der Experten die Handlungsfähigkeit der politischen Institutionen erheblich verbessern würde. In der Vergangenheit hätten sich die unterschiedlichen Kammern sowie die Justiz meist gegenseitig blockiert. Doch mit diesem, an sich sinnvollen Referendum, sei auch die politische Zukunft des Premierministers verbunden. Sollte das Volk die Gelegenheit missbrauchen, um mit den etablierten politischen Akteuren, mit Europa, der Globalisierung und was sonst noch allem, abrechnen zu wollen, wie das ja zurzeit Mode zu sein scheine in der westlichen Welt, drohe eine chaotische Situation. Ein Rücktritt des Regierungs-Chefs wäre wohl unumgänglich und die zum Teil radikalen Europa-Gegner würden erheblichen Auftrieb bekommen. Also wieder einmal eine Schicksals-Wahl um die Zukunft Europas? Die Finanzmärkte würden in gewohnter Manier im Vorfeld von Nervosität geprägt sein.

Die Niederländer seien dann im März 2017 zur Parlamentsabstimmung aufgerufen. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage wäre dieses Datum eigentlich nicht kritisch zu sehen. Denn nach Überwindung der Eurokrise gehe es in diesem europäischen Kernland seit 2014 relativ stetig aufwärts. Letztes Jahr habe das Wirtschaftswachstum mit 2,0% über dem von Deutschland gelegen. Die dortige Immobilienkrise scheine überwunden und es seien sogar Steuerentlastungspakete verabschiedet worden. Doch auch in unserem Nachbarland brodle es. Die Flüchtlingsthematik sei ähnlich virulent wie hierzulande und die Ängste um mögliche Belastungen eines etwaigen Brexit seien bei den Holländern am deutlichsten zu spüren. Die Stimmung im Volk könnte auch hier in Richtung "Denkzettel für alles was man schlecht findet" münden, und an der Wahlurne für skurrile Ergebnisse sorgen.

Langsam nähere man sich den Höhepunkten der politischen Ereignisse in Europa in den nächsten zwölf Monaten. Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft in der Eurozone, wähle im April 2017 einen neuen Staats-Präsidenten. Dieses Amt des Staatsoberhauptes sei gleichzeitig mit unvergleichlich hohen politischen Kompetenzen ausgestattet. Doch selbst diese für einen europäischen Politiker überdurchschnittliche Machtfülle, habe in den vergangenen fünf Jahren nicht dazu geführt echte, sinnvolle Strukturreformen durchzuführen, die die wirtschaftliche und fiskalische Malaise der französischen Wirtschaft beendet hätte. Zu stark seien im Nachbarland die Machtstrukturen ideologisch geprägter Lobbygruppierungen, wie zum Beispiel kommunistischer Gewerkschaften und Studentenverbände. Ein Land, das seit Jahrzehnten eine Deindustrialisierung erlebe, zentralistisch und zudem sozialistisch regiert werde, und seit den 70er Jahren die Staatsverschuldung immer weiter erhöht habe (allein in den letzten drei Jahren sei der Schuldenberg um 350 Milliarden Euro gestiegen) stehe ganz zweifellos vor einer echten Schicksalswahl.

Aus heutiger Sicht könnte es reiner Zufall sein, ob es für einen Kandidaten aus den etablierten Parteien reiche, oder Madame Le Pen die Macht erringen könne, sollte beispielsweise ein Terroranschlag unmittelbar vor der Wahl stattfinden. Große Verunsicherung werde im Vorfeld der Wahl die Märkte dominieren und, sollte der oben beschriebene Fall eintreten, auch nach der Wahl vorherrschen.

Geradezu ein Hort politischer Stabilität scheine auf Sicht von einem Jahr dagegen die Bundestagswahl zu werden. Trotz AfD-Hybris und Kanzlerinnen-Dämmerung fließe bis dahin noch viel Wasser den Rhein und die Donau hinab, was so viel heiße wie, Frau Merkel habe noch genügend Zeit, in den Umfragen wieder an Ansehen zu gewinnen. Darüber hinaus würden sich für die Kanzlerin genügend Gelegenheiten ergeben, sich in Europa politisch zu profilieren, Krisen zu schlichten und als Regierungs-Chefin der stärksten Volkswirtschaft Europas aufzutreten und Stabilität und Verlässlichkeit zu personifizieren. Darüber hinaus gehe es den Deutschen aktuell so gut wie nie zuvor! Wer sollte so jemanden nicht wiederwählen?

Bei all den Ängsten, Sorgen, der Wut und der Unzufriedenheit über das sogenannte europäische Establishment - dazu zähle man im Übrigen auch die Europäische Zentralbank - liege in jeder Wahl, Abstimmung oder Befragung auch eine Chance. Ganz generell komme den Experten die positive Interpretation der Demokratien in der medialen Welt viel zu kurz.

Das Meinungsbild der Bevölkerung über einen möglichen Brexit deute man zum Beispiel konstruktiv. Es werde nachgedacht über Alternativen! Das Denken in Möglichkeiten fördere den Wettbewerb um die Beste Lösung für eine Gesellschaftsform. Auch wenn einem das aus der tradierten, gewachsenen Sichtweise heraus nicht immer passe. Aber vielleicht gebe es eben bessere Möglichkeiten und Konstellationen des Zusammenlebens, des wirtschaftlichen Handelns, der Verteidigung und der europäischen Zusammenarbeit.

Oft brauche es unmittelbare Schock-Ergebnisse, um einem Wahlvolk die tatsächlichen Folgen seines Wählens und seiner Macht vor Augen zu führen. Dafür sei das britische Referendum ein gutes Beispiel. Erst jetzt werde ernsthaft über die Vorteile, die eine Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft biete, diskutiert.

Sollten also aus der Traditions-Perspektive betrachtet, undenkbare "Weltuntergangs-Wahlergebnisse" zustande kommen - ein US-Präsident Donald Trump, Rücktritt von Matteo Renzi in Italien, Rechtsruck in den Niederlanden und in Frankreich - so werde sich die Welt weiterdrehen, man werde ganz normal zur Arbeit gehen und die Sonne werde täglich neu aufgehen.

All diese Konstellationen seien eingebunden in kulturelle, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Strukturen, die nicht so einfach radikal verändert werden könnten. Die Möglichkeiten seien mithin begrenzt, extreme Veränderungen herbeizuführen. Und bei aller etwaigen Einseitigkeit der Sichtweisen, auch diese Damen und Herren würden nicht als Totengräber ihrer Wirtschaft, Verursacher von politischen Spannungen oder Kriegen oder als Krisenverantwortliche in die Geschichte eingehen wollen. Es komme nicht oft vor, dass die Experten Karl Marx zitieren würden, aber wie für alle Ämter und Positionen gelte auch hier: "Das Sein bestimmt das Bewusstsein". Einmal im Amt eines Regierungs-Chefs oder Staatsoberhauptes spüre man unmittelbar die damit zusammenhängende Verantwortung, die prägend für das Handeln werde.

Trotz aller Chancen der Veränderung versehen die internationalen Aktienmärkte unseren Kontinent leider politischen Abschlägen, so die Experten. Vor allem seit dem Finanzkrisen-Tief im März 2009 würden sich zum Beispiel die US-Indices signifikant besser als europäische Leitbarometer entwickeln. Der S&P 500 habe sich in dieser Zeit verdreifacht, während der EURO STOXX 50 nur 65% zugelegt habe. Auch jüngst setze sich diese Entwicklung fort. Betrachte man die letzten zwölf Monate, so liege der US-Leitindex zweistellig im Plus, während Europa unter hohen Schwankungen auf der Stelle trete. Folge sei eine ungleich höhere Bewertung von US-Dividendenpapieren im Vergleich zu europäischen Aktien - sprich, sie seien viel teurer. Je nach Bewertungsmaßstab zwischen 40% und 60%. In der Geschichte seien solch große Bewertungsunterschiede immer wieder aufgeholt worden. Leider könne man davon guten Gewissens die nächsten zwölf Monate nicht ausgehen.

Die Finanzmärkte seien in den letzten Jahren zunehmend von politischen Ereignissen geprägt. Ein Mehr an politischer Stabilität werde von den Finanzmärkten honoriert. Für Anleger führe nichts an einer international breit gestreuten Anlagestruktur vorbei, wozu natürlich europäische Anleihen und Aktien dazugehören würden. Denn auch hier gebe es Chancen, vor allem wenn sich durch politische Verunsicherungen günstige Einstiegskurse ergeben würden. Schwankungen zu erwarten, zu ertragen und gewinnbringend zu nutzen, bleibe oberstes Gebot und Herausforderung für Anleger und Vermögensverwalter. (Ausgabe vom 29.09.2016) (30.09.2016/fc/a/m)