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Chancen aus der Euro-Krise


06.01.12 10:49
GECAM

Wangen (aktiencheck.de AG) - Die Sehnsucht vieler Anleger das vergangene Jahr möglichst schnell abzuhaken, ist groß, so die Experten von GECAM.

Was die fundamentalen Daten betreffe, sei das Jahr mit rund 4 Prozent Weltwirtschaftswachstum hervorragend gewesen. Hinzu komme, dass Unternehmen in der Realwirtschaft oft Rekordgewinne, Rekordumsätze und niedrige Verschuldung ausweisen würden. Jedoch hätten vor allem Ängste über atomare Verseuchung, Vertrauenskrise des Euro bis hin zur Infragestellung der Demokratie als zukunftsträchtige Staatsform dominiert. Natürlich hätten alle Vermögensklassen profitiert, die als "sichere Häfen" gelten würden, wie US- und Deutsche Staatanleihen (+12 Prozent) sowie Gold (+10 Prozent), wohingegen alles, was mit Risiko tituliert worden sei, verloren habe, gerechtfertigt oder nicht. Vor allem Europa habe massive Kapitalabflüsse zu verzeichnen gehabt. Folgerichtig hätten die Schwarzmaler und Krisenpropheten Hochkonjunktur, auch was die Ausblicke für 2012 betreffe.

Die Experten von GECAM möchten bewusst einen Kontrapunkt setzen und einen Blick auf die Chancen des Jahres 2012 werfen. Eine Definition von Risiko laute: Abweichung vom Erwartungswert. Viele würden vergessen, dass diese Abweichung auch nach oben erfolgen könne - das heiße dann Chance.

Politische Veränderungen, wie die Wahlen in Frankreich, den USA und Iran sowie der Wechsel der Regierungs-Chefs in China und Russland, könnten sowohl zu mehr ökonomisch sinnvollen Richtungswechseln, als auch zu einem Abflauen des durch Wahlkampf bedingten politischen wie militärischen Säbelrasselns und somit insgesamt zu einer Beruhigung führen.

Europa rücke unter dem Druck der Krise viel enger zusammen als dies freiwillig möglich gewesen wäre. Die Weiterentwicklung eines gemeinsamen Europas brauche handlungsfähige und demokratisch legitimierte Institutionen und bekomme somit politisch eine Perspektive.

Bei der europäischen Schuldenkrise handle es sich um ein so tief greifendes Ereignis, dass die Erfahrung daraus wohl Generationen von Politikern prägen werde. Ähnlich den Erfahrungen der Hyperinflation im Deutschland der 20er Jahre, die nach wie vor unsere Angst vor Inflation sowie unser Verständnis von Geldpolitik prägen; auch die wirtschafts- und energiepolitischen Auswirkung der Ölschocks der 70er Jahre bestimmen seitdem unser Verständnis vom rationalen Umgang mit Ressourcen, so die Experten von GECAM. Dies bedeute, dass den vier Jahrzehnten des ungezügelten Schuldenmachens auf Staatsebene, in den nächsten dreißig Jahren eine gegenläufige Politik folgen sollte.

Politiker würden erkennen, dass es ökonomisch, moralisch und auch dem Wählerwillen entspreche, die Neuverschuldung gering zu halten sowie die Ausgabenstruktur des Staates auf Wachstum auszurichten. Einsparungen in aufgeblähten Sozialstaaten sowie Reformen in den oft überregulierten und starren Arbeitsmärkten in Europa würden sehr schnell zu geringeren Staatsdefiziten und zur Stärkung der Wirtschaft eines Landes führen, wie es Deutschland mit der Agenda 2010 vorgemacht habe.

Wenn die Staatsquote sinke, würden sich sehr starke dynamische Kräfte im privaten Sektor entfalten. Dies stehe Europa in nicht gekanntem Ausmaß bevor, da die Staatsquoten im Vergleich sehr hoch lägen (Anteil der Staatsausgaben am BIP oft bei 60 bis 70 Prozent).

Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) - die es im Übrigen noch nicht lange gebe und der es an fachlichem Know-how sowie an ausreichend Kapazitäten mangle, um sich echte Akzeptanz an den Märkten zu erarbeiten - werde erkennen, dass man in der Krise keine Strukturprobleme löse. Die Eigenkapitalanforderungen sowie die Stresstestkriterien, die eine Pleite von EWU-Staaten vorsehen würden, obwohl dies von den Regierungs-Chefs ausgeschlossen worden sei, würden sowohl zeitlich wie auch inhaltlich wieder auf realistische Ziele reduziert. Denn ohne ein liquides und starkes Bankensystem funktioniere kein Finanzmarkt und Wachstum in der Realwirtschaft werde konterkariert - Stichwort Kreditklemme.

Die Weltwirtschaft werde 2012 weiter wachsen. Wahrscheinlich zwischen 3 und 4 Prozent. Dies bedeute, dass auch die Unternehmensgewinne weiter wachsen und nicht schrumpfen würden, wie dies die Kursverluste an den Aktienmärkten suggerieren würden.

Was passiere, wenn die größte Volkswirtschaft der Welt stärker wachse als erwartet? 3 Prozent, statt wie erwartet 2 Prozent Wachstum in den USA, würde einen geplanten Wachstumsrückgang in China von 9 Prozent auf 7 Prozent mehr als überkompensieren. Die Amerikaner zögen die ganze Welt wie eine Lokomotive mit.

China könnte das angepeilte Ziel einer Wachstumsverlangsamung auf rund 7 Prozent bereits im ersten Quartal erreichen und danach beginnen, wieder auf Wachstumskurs umzuschwenken, sprich Zinsen senken, Mindestreservesätze lockern sowie partiell Konjunkturprogramme starten. Das wäre im Einklang mit vielen anderen Schwellenländern, die diese Richtung bereits eingeschlagen hätten, wie z. B. Brasilien.

Europäische Banken würden das Dreijahres-Tenderprogramm der EZB (1 Prozent Zinsen, unbegrenztes Volumen) nutzen, um massiv höherrentierliche Anlagen, wie Staatsanleihen der Peripheriestaaten, Unternehmensanleihen sowie Dividendentitel (evtl. auch Rückkaufprogramme eigener Aktien) zu kaufen. Eine erhebliche Entspannung an den Märkten wäre die Folge. Die Attraktivität sei hoch, stünden doch 1 Prozent Kosten Renditen bei dreijährigen italienischen Staatsanleihen von 5 Prozent oder Dividendenrenditen von 5 Prozent im EURO STOXX 50 gegenüber. Dies wäre im Umfang und in der Wirkung eine Maßnahme der EZB, die das Quantitative Easing Programm (QE II) der US-Notenbank im November 2010 (600 Mrd. USD) recht blass aussehen lassen würde. Der zweite Tender stehe am 29. Februar an.

Die Märkte würden erkennen, dass Investitionen in Anleihen "sicherer" Staaten bei weniger als 2 Prozent Nominalrendite und 3 Prozent Inflation keinen Sinn ergeben würden, wenn man mit Aktien von Unternehmen, die seit über einhundert Jahren ein funktionierendes Geschäftsmodell hätten, allein mit der Dividende mehr verdiene. Außerdem würden diese Unternehmen oft nahe ihrem Buchwert notieren, also so, als ob sie auf Jahre hinaus keine Gewinne mehr machen würden. Dies sei in keiner Weise zu erkennen. Es bestünden also zusätzlich noch Kurschancen.

Die Märkte würden erkennen, dass Gold nur in einem Extremszenario (weitestgehende Entwertung einer Währung) als Allheilmittel diene, dazwischen aber massive Verluste auch mit Edelmetallen zu verzeichnen seien. Vor allem nach einer über zehnjährigen Anstiegsphase.

Krisen würden immer strukturelle Veränderungen schaffen. Sie seien vor allem in Europa erkennbar und spürbar. Aber sie würden nicht ohne Einschnitte und holprige bzw. nervöse Anpassungsprozesse sowohl in der Bevölkerung, der Bankenlandschaft als auch an den Finanzmärkten einhergehen. Märkte würden jedoch auch positive Entwicklungen vorwegnehmen. Sollte also nur ein Teil der skizzierten Themen positiv vom schon sehr niedrigen Erwartungswert abweichen, könnte uns zwar ein volatiles, aber letztendlich auch ein positives Aktienjahr bevorstehen, so die Experten von GECAM. Deswegen sei es ratsam, eine Mischung aus verschiedenen Anlageklassen anzustreben. Damit sei man für diverse Szenarien, die im Verlauf des Jahres mit Sicherheit auftreten würden, am besten gerüstet. (06.01.2012/fc/a/m)