Anleihefondsmanager Finlayson: "Das Gemetzel hat bereits stattgefunden" - Fondsnews


07.05.21 12:30
e-fundresearch.com

Wien (www.fondscheck.de) - "Wir sehen jetzt ein größeres Abwärtspotenzial bei 30-jährigen deutschen Anleihen (...)". Warum Colin Finlayson, Co-Manager des Aegon Strategic Global Bond Fund, aktuell einen großen Bogen um langlaufende Anleihen macht und wieso er Inflationsrisiken mittel- und langfristig entspannt gegenübersteht, erklärt der Fondsmanager im Exklusiv-Interview mit "e-fundresearch.com".

e-fundresearch.com: Herr Finlayson, frei nach dem Motto "Totgesagte leben länger" häuften sich unter internationalen Investoren zuletzt die Sorgen um einen abrupten Inflationsanstieg als Resultat der COVID-19 Hilfspakete und einer wieder erstarkten Wirtschaft: Wie schätzen Sie diese Gemengelage ein?

Colin Finlayson: Die Inflation steht nach Jahren des disinflationären Drucks sicherlich im Vordergrund, was die Bedenken des Anleihenmarktes angeht. Ich gehe davon aus, dass die Gesamtinflation im Laufe dieses Jahres steigen wird, erwarte aber nicht, dass sie zu einem längerfristigen Problem werden könnte. Bei dem Anstieg in diesem Jahr handelt es sich eher um "Basiseffekte", die dadurch verursacht werden, dass die Inflation im Jahr 2020 so niedrig war. Deshalb sind die Vergleiche mit dem Vorjahr so hoch. Der Höhepunkt der US-Inflation wird im 2. Quartal erwartet, während er in Europa im 4. Quartal soweit sein wird. In den folgenden 6 Monaten dürfte die Inflation jedoch wieder allmählich zurückgehen. Wir betrachten diese Spitze daher eher als "vorübergehend" und nicht als etwas, das dauerhaft stark genug sein wird, um die Zentralbanken oder den Anleihenmarkt zu verunsichern.

Ich verstehe also die Sorgen um eine kurzfristig steigende Inflation, dennoch bin ich mittel- bis langfristig entspannt. Dies betrifft auch den Anstieg der Renditen von Staatsanleihen.

e-fundresearch.com: In dem von Ihnen co-gemanagten Aegon Strategic Global Bond Fund hatten Sie die Duration zuletzt durchaus radikal gesenkt. Was steckt hinter dieser Entscheidung? Hat sich das Zinsrisiko Ihren Ansichten nach wirklich derart verändert?

Colin Finlayson: Wir haben letztes Jahr im 4. Quartal begonnen, unsere Duration zu reduzieren. Zu Beginn dieses Jahres sind wir dann noch aggressiver vorgegangen. Nachdem wir über das gesamte Jahr 2020 ein überdurchschnittlich hohes Durationsniveau beibehalten hatten, waren die Impfankündigungen im November ein klarer "game changer" - die Auswirkungen können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie verringerten sofort das Ausmaß der Abwärtsrisiken beim Wirtschaftswachstum und - was entscheidend war - sie zementierten die Ansicht, dass der Tiefpunkt bei den Staatsanleiherenditen nun hinter uns liegt und der Fokus stattdessen nun auf die Frage gerichtet wie, wie hoch die Renditen steigen könnten. Als Reaktion darauf verringerten wir die Duration im Fonds, wobei wir uns besonders auf die Reduzierung des Zinsrisikos in den USA und Großbritannien konzentrierten. Da diese Länder bei der Einführung von Impfstoffen an vorderster Front standen, war es klar, dass sie zuerst neu bewerten würden, wobei sich das Risiko nun auf positive Überraschungen bei Wachstum und Inflation verlagert. Im Verlauf des 1. Quartals sahen wir genau das, die Renditen stiegen stark an und die Renditekurve wurde steiler.

e-fundresearch.com: Im Krisenjahr 2020 konnte Ihre Strategie mit knapp +15 Prozent Performance überzeugen: Worauf führen Sie dieses Ergebnis zurück? Welche Trades und Positionierungen haben sich 2020 als besonders erfreulich erwiesen?

Colin Finlayson: Der Schlüssel für uns war, wie wir das Gesamtrisikoprofil des Fonds managten und unsere Bereitschaft, Kreditrisiken einzugehen, als der Markt im Februar und März zusammenbrach. Obwohl die Marktbedingungen die schlechtesten waren, die ich in meiner 20-jährigen Karriere erlebt habe, war unser Glaube daran, dass die Zentralbanken und letztlich die Regierungen reagieren würden, sehr stark. Dies gab uns die einmalige Möglichkeiten, Kreditrisiken zu einem unverhältnismäßig günstigen Preis beizumischen. Das Ergebnis war, dass wir "voll investiert" und ideal positioniert waren, als der Markt seinen Tiefpunkt erreichte, um von der darauffolgenden Erholung zu profitieren. Wichtig waren außerdem die aktienspezifischen Chancen, die wir nutzten - von sehr günstigen langlaufenden US-Investment-Grade-Anleihen im 2. Quartal, den wir dann in einen zyklischeren High Yield Ansatz im 3. Quartal überführten. Dieser aktive Ansatz bei der Aktienauswahl trug zu weiterem Alpha im Fonds bei.

e-fundresearch.com: Als Manager eines "unconstrained"-Ansatzes genießen Sie maximale Freiheitsgrade und Flexibilität: Wie nutzen Sie dieses Privileg im aktuellen Umfeld? Wo erkennen Sie die derzeit vielversprechendsten Opportunitäten an den globalen Fixed-Income Märkten?

Colin Finlayson: Es ist keine einfache Zeit, um am Fixed-Income-Markt Gewinner auszuwählen, da die Wertentwicklungen in vielen Bereichen vollständig eingepreist und dementsprechend auf Niveaus gehandelt werden, die über dem Level vor der Pandemie liegen. Jedoch hilft ein uneingeschränkter Ansatz sicherlich. Wir bevorzugen immer noch Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen, allerdings mit einem geringeren Beta als im letzten Jahr. Dabei bevorzugen wir die High-Yield-Anleihen gegenüber den Investment-Grade-Anleihen, da die zusätzliche Spreads nach wie vor interessant sind. Um dies auszunutzen, haben wir unser Engagement in Anleihen mit kürzerer Laufzeit und höherem Spread, wie z. B. nachrangige Finanztitel oder hybride Unternehmensanleihen, erhöht. Diese bieten einen attraktiven Anstieg und bleiben gleichzeitig am kürzeren Ende der Kurve, wodurch die Auswirkungen höherer Staatsanleiherenditen reduziert werden. Obwohl wir hinsichtlich der Aussichten für Staatsanleihen, insbesondere für Anleihen mit längeren Laufzeiten, vorsichtig sind, freuen wir uns über unser Engagement in Ländern wie Australien und Italien.

e-fundresearch.com: …und um welche Segmente machen Sie derzeit einen großen Bogen? Gibt es gewisse Teilbereiche des Rentenuniversums, die Ihnen konkrete Sorgen bereiten?

Colin Finlayson: Ein Bereich, den ich gerne meide, sind langlaufende Anleihen - sowohl Staats- als auch Investment-Grade-Anleihen - und Sektoren, deren Geschäftsmodelle durch die jüngste Krise "zusammengebrochen" ist. Die Besorgnis über Anleihen mit längeren Laufzeiten ist allgemein bekannt und das Gemetzel in diesem Bereich hat bereits stattgefunden, angeführt vom US-Markt. Die Kombination aus verbesserten Wachstums- und Inflationsaussichten mit einem riesigen Angebot an Anleihen, die emittiert werden, ist ein "perfekter Sturm" für langlaufende Anleihen. Wir sehen jetzt ein größeres Abwärtspotenzial bei 30-jährigen deutschen Anleihen als bei 30-jährigen US-Anleihen, da die europäischen Volkswirtschaften versuchen, mit den USA "gleichzuziehen". Diese Dynamik erstreckt sich auch auf langlaufende Investment-Grade-Anleihen, dabei wird der jetzt angebotene Kreditspread jedoch nicht in der Lage sein, die Auswirkungen höherer Renditen aufzufangen. Das macht sie unattraktiv. Wir haben unsere Positionen in diesem Bereich folglich zugunsten von kurzlaufenden Anleihen mit höheren Spreads abgebaut.

e-fundresearch.com: Insbesondere im High Yield Universum ist uns trotz COVID-19 eine große Default-Welle bislang erspart geblieben - den staatlichen Hilfspaketen sei Dank. Wurden die dort vorherrschenden Probleme damit tatsächlich gelöst oder lediglich auf die lange Bank geschoben?

Colin Finlayson: Die staatliche Unterstützung spielte zweifellos eine Schlüsselrolle bei der Vermeidung weit verbreiteter Zahlungsausfälle - etwas, das zu Beginn der Krise weithin befürchtet wurde. Dies bedeutete, dass sowohl gute als auch schlechte Unternehmen über Wasser gehalten wurden - die tatsächliche Ausfallrate ist geringer als befürchtet und wird voraussichtlich in den kommenden Jahren unter dem Durchschnitt liegen. Dies setzt voraus, dass die Erholung wie geplant voranschreitet. Das Ergebnis ist, dass das Risiko vom privaten Sektor auf den öffentlichen Sektor verlagert wurde. Die Regierungen bleiben mit größeren Schulden und Defiziten zurück als der Unternehmenssektor. Das Problem wurde also sowohl verschoben als auch auf die Regierungen abgewälzt, die sich in den kommenden Jahren damit befassen müssen.

e-fundresearch.com: Sowohl auf Ebene von Corporate- als auch Sovereign-Emittenten sind immer häufiger Green Bond Emissionen zu beobachten: Welche Rolle spielen derartige Instrumente in Ihrem Investmentuniversum?

Colin Finlayson: Sie bilden einen immer größeren und wichtigeren Teil des Anleihenmarktes und dieser Trend wird sich noch weiter fortsetzen. Wir haben uns die neuen grünen Anleihen, die auf den Markt kommen, genau angeschaut, dabei haben wir vom Investitionsstandpunkt aus mehr Chancen bei den Unternehmensanleihen als bei den Staatsanleihen gesehen. Die Unternehmensanleihen, die auf den Markt gekommen sind, bieten mehr relative Wertchancen als die Staatsanleihen, die tendenziell recht teuer bewertet sind. Da jedoch immer mehr Anleihen ausgegeben werden, erwarten wir, dass der Markt für grüne Staatsanleihen mehr Interesse und Möglichkeiten schaffen wird.

e-fundresearch.com: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Finlayson! (07.05.2021/fc/n/s)





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