Wie kalt wird uns im kommenden Winter? Belastungsfaktoren, wohin man schaut


07.09.22 10:35
SIGNAL IDUNA AM

Hamburg (www.fondscheck.de) - Die Gemengelage an den Aktienmärkten bleibt unübersichtlich - entsprechend schwer tun sich die Börsen mit der Ausbildung neuer, aber vor allem verlässlicher Trends, so Bodo Orlowski, Leiter Volkswirtschaft und Aktienselektion bei der SIGNAL IDUNA Asset Management, der unter anderem die europäischen Aktienfonds HANSAeuropa und HANSAperspektive verantwortet.

Belastend wirke sich die Aussicht auf weitere Zinsanhebungen aus - zuvorderst in den USA, deren Notenbank klare Kante zeige, wenn es um die Bekämpfung der Inflation gehe. Aber auch die EZB werde nicht umhinkommen, mindestens noch einmal nachzulegen. Die Inflation als solche hingegen spiele Aktien eigentlich sogar noch in die Karten - sodass Sachwerte gefragt sein sollten. Vor allem wenn es sich um Unternehmen handle, die den Kostendruck auf ihre Abnehmer überwälzen könnten.

Damit wären wir bei den anhaltend hohen Energiekosten, die ebenfalls auf die Stimmung drücken, so Bodo Orlowski, Leiter Volkswirtschaft und Aktienselektion bei der SIGNAL IDUNA Asset Management. Wobei die europäischen Unternehmen und Verbraucher in absoluten Preisen am stärksten zur Kasse gebeten würden. So lägen die Preise am europäischen Gasmarkt um ein Mehrfaches über den Preisen in Nordamerika, aber auch höher als in Asien. Der schwache Euro verteuere das hiesige Preisniveau zusätzlich. Diese massive Preisdifferenz werde voraussichtlich noch über mehrere Jahre hinweg anhalten und bei den energieintensiven Branchen für einen massiven Wettbewerbsnachteil sorgen. Zudem stehe das Risiko im Raum, dass es zu Rationierungen bzw. Lieferstopps kommen könne - der Gedanke daran lasse Börsianer auch außerhalb der kalten Jahreszeit frösteln.

Ein weiterer struktureller Nachteil, der sich in vielen westlichen Industrieländern zeige, sei der Fachkräftemangel - wobei dieser Begriff etwas in die Irre führe. Mittlerweile falle es vielen Branchen bereits schwer, selbst für Tätigkeiten, die keine mehrjährige Ausbildung erfordern würden und deshalb noch in den unteren Stufen des jeweiligen Tarifvertrages eingruppiert seien, das benötigte Personal zu rekrutieren. Das werde die Lohnkosten ebenfalls treiben bzw. dazu führen, dass Marktchancen nicht wahrgenommen werden könnten. Die erwartete Rezession werde hier nur wenig Druck nehmen.

Bereits diese kleine Auswahl belastender Faktoren - Zinsanhebungen, Energiepreise, Arbeitskräftemangel - mache verständlich, warum zahlreiche Stimmungsindikatoren der Realwirtschaft, aber auch der Investoren sich im negativen Bereich befänden und die Volatilität zugenommen habe. Das wiederum mache Hoffnung. Denn bekanntlich werde die Hausse in der Baisse gezeugt. Wenn es also so ausschaue, als könnte es kaum noch schlimmer werden, würden die Börsen einen Boden ausbilden, um sich wieder verlässlich nach oben zu orientieren.

Noch aber scheine es nicht so weit. Zwar lägen die ausgewiesenen Kurs-Gewinn-Verhältnisse derzeit auf akzeptablen Niveaus, doch die zuletzt berichteten und erwarteten Gewinne würden die belastenden Faktoren bislang nicht in ausreichendem Maße widerspiegeln. Hier werde es noch aufseiten der Unternehmen bzw. Analysten zu Gewinnrevisionen kommen.

Wer auf die daraus resultierende Bodenbildung nicht warten möge, weil er ohnehin einen mehrjährigen Anlagehorizont habe, könne natürlich heute bereits beginnen, schrittweise einzusteigen. Wichtig sei nur zu wissen, dass die kommenden Monate schwankungsanfällig und rückschlaggefährdet bleiben würden. Die Streuung der eigenen Kapitalanlagen über die Kontinente hinweg komme dabei weiterhin eine hohe Bedeutung zu. Gerade wir Europäer sollten zusehen, dass wir einen Teil unseres Kapitals im Ausland arbeiten lassen; nicht nur wir freuen uns über einen Tapetenwechsel - unser Geld auch, so Bodo Orlowski, Leiter Volkswirtschaft und Aktienselektion bei der SIGNAL IDUNA Asset Management. (07.09.2022/fc/a/f)