Rohstoff-ETCs: Rück- und Ausblick auf Rohstoffe: "Es wird teurer"


02.01.23 11:00
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.fondscheck.de) - Rohstoffe haben sich im Jahr 2022 anders als die meisten Anlageklassen verteuert, so die Deutsche Börse AG.

Vor allem Öl und Gas seien - ausgelöst durch den Ukraine-Krieg - im Frühjahr deutlich gestiegen, aber auch Nahrungsmittelrohstoffe wie Weizen.

So habe Brent-Öl auf Jahressicht zwar !nur" um knapp 7 Prozent zugelegt, doch der Ukraine-Krieg habe die Ölsorte zwischenzeitlich von knapp 79 Euro Anfang Januar auf mehr als 129 US-Dollar im Frühjahr getrieben. Gas der Sorte Dutch TTF habe zu Jahresbeginn 85 US-Dollar gekostet, in der Jahresspitze im August jedoch 337 US-Dollar, um zu Jahresende bei 83 US-Dollar zu stehen.

Steigende Zinsen, ein starker US-Dollar und die Sorge vor einer Rezession mehrerer großer Volkswirtschaften würden seit Sommer die Preise wieder belasten. Seither würden die Befürchtungen zunehmen, dass ein drohender Konjunkturabschwung die Nachfrage nach Energieträgern und Industriemetallen schmälere - auch im Jahr 2023.

Nach Einschätzung von Goldman Sachs sei der Superzyklus bei Rohstoffen aber trotz der Preisrückgänge im zweiten Halbjahr nicht vorbei: "Es dauert Jahre, bis die langfristigen Versorgungsprobleme gelöst sind", schreibe das Research-Team um Jeffrey Currie. Und erinnere daran, dass Rohstoffe langfristig vorhersehbar, kurzfristig aber unberechenbar seien. Nach einem holprigen Start ins Jahr 2023 könnten sich im zweiten Quartal die Fundamentaldaten erholen und das Rohstoffangebot knapp werden, wenn die Nachfrage aus China wieder steige.

Die gestiegenen Energiepreise hätten 2022 auch auf andere Rohstoffe Auswirkungen: "Der Energiepreisschock hat einen Teufelskreis der Angebotsverknappung für Metalle, Düngemittel und anderen energieintensive Rohstoffe in Gang gesetzt", erkläre Nitesh Shah, Leiter Rohstoff- und Makro-Research in Europa bei WisdomTree. Die Energiewende und eine Wiederbelebung der weltweiten Infrastrukturausgaben dürften die Nachfrage in den kommenden Jahren deutlich ansteigen lassen. Zwar befänden wir uns heute in der Abschwungphase eines Konjunkturzyklus. "Obwohl viele Rohstoffmärkte sichtbar angespannt sind, preisen die Rohstoffe diese Anspannung bislang nicht ausreichend ein."

Das Inflationsbekämpfungsgesetz in den USA und das Infrastrukturgesetz würden der Nachfrage nach Rohstoffen starken Rückenwind verleihen. In Europa könnte das Bestreben, sich von der russischen Energieabhängigkeit zu lösen, der Energiewende eine neue Dringlichkeit geben. "Wir erwarten eine Beschleunigung der Energieinfrastrukturpläne", fasse Shah zusammen.

"Bei Öl nutzen viele Einbrüche für Zukäufe, um dann bei Erholungen Gewinne mitzunehmen", erkläre Mobeen Tahir, Direktor im Bereich Makro-Research und taktische Anlagelösungen bei WisdomTree. So habe es im April 2020, als die Ölpreise eingebrochen seien und der WTI-Future sogar in den negativen Bereich gerutscht sei, in den folgenden Wochen und Monaten erhebliche Zuflüsse in Ölprodukte gegeben.

"In diesem Jahr, als die Preise gestiegen sind, haben viele Anleger Gewinne aus ihren Positionen mitgenommen." So seien die Zuflüsse im Dezember unter dem Strich wieder positiv - aus demselben Grund wie damals. "Die Ölpreise sind in den letzten Monaten gesunken, was die Anleger ermutigte, wieder Long-Positionen einzugehen. Im Jahr 2023, wenn die wirtschaftliche Kontraktion sowohl in den USA als auch in Europa anhält, könnte dies Anlegern weitere Kaufgelegenheiten bieten."

2022 seien im Jahresverlauf - nach erheblichen Steigerungen im Frühjahr - die Preise für viele Industriemetalle wieder moderater geworden. So habe Kupfer Anfang März 10.813 US-Dollar gekostet und damit so viel wie seit April 2021 nicht mehr, im Juli sei der Preis aber auf 7.002 US-Dollar gefallen. Aktuell stehe das Metall bei 8.349 US-Dollar. Der Wisdom Tree Industrial Metals notiere gut 4 Prozent höher als am Jahresanfang.

Analysten würden langfristig von einer steigenden Nachfrage ausgehen: "Insbesondere nach Industriemetallen, die mit der Energiewende in Zusammenhang stehen", berichte Tahir. Zum Beispiel dürfte sich die jährliche Kupfernachfrage in den nächsten zwei Jahrzehnten selbst in den konservativsten Szenarien verdoppeln. "Dies ist auf die wachsende Nachfrage nach dem Metall in Elektrofahrzeugen, erneuerbaren Energien, Batterien, Ladeinfrastruktur usw. zurückzuführen", nenne Tahir die Gründe.

Doch 2022 seien Investor*innen nach Tahirs Ansicht meistens auf die Aussicht auf eine Rezession und deren Auswirkungen auf die Nachfrage fixiert gewesen. "Auch die wirtschaftlichen Abriegelungen in China trugen nicht gerade dazu bei, die Stimmung in Bezug auf diesen Sektor zu verbessern." Das könne sich 2023 ändern: "Im nächsten Jahr, wenn China seine Verbote lockert, könnten die Preise wieder anziehen und Anleger dazu ermutigen, in einen Sektor mit vielversprechenden langfristigen Fundamentaldaten zurückzukehren." Im Dezember seien aus den ETCs allerdings mehr Mittel ab- als zugeflossen.

Erhebliche Abflüsse hätten Edelmetalle erfahren - im Dezember und auf Jahressicht. Zum Jahresende seien 468 Millionen US-Dollar aus entsprechenden ETCs abgeflossen: "Edelmetalle verzeichneten 2022 die größten Nettoabflüsse unter allen Rohstoffsektoren", berichte Tahir. Während eine hohe Inflation theoretisch Gold im Jahr 2022 hätte beflügeln sollen, habe das Edelmetall durch die restriktive Haltung der Zentralbanken Gegenwind bekommen. "Steigende US-Staatsanleiherenditen und die Aufwertung des Dollars schufen ein schwieriges Umfeld für Gold." Wenn jedoch im nächsten Jahr die restriktive Geldpolitik, insbesondere der US-Notenbank, nachlasse, die Wirtschaftsdaten sich allmählich verschlechterten und die Inflation sich abschwäche, aber hoch bleibe, könne Gold wieder zu glänzen beginnen.

Auch für Silber könnte sich die Lage im nächsten Jahr nach Ansicht von WisdomTree ändern. Silber neige dazu, Gold während Erholungen in den Schatten zu stellen. "Wenn sich die Stimmung für Gold aufhellt, könnten einige Anleger ihre positive Sicht auf Edelmetalle auch über Silber zum Ausdruck bringen", prognostiziere Tahir. Aktuell sei Xetra Gold (ISIN DE000A0S9GB0 / WKN A0S9GB) der meistgehandelte ETC an der Frankfurter Börse. Der Bestand von 231 Tonnen sei weiterhin hoch. Der Bestand von 231 Tonnen sei weiterhin hoch.

Frank Mohr von der Société Générale berichte, dass auf Jahressicht vor allem Gold gekauft und verkauft würde, insbesondere im laufenden Monat. "Hier spielt die Musik." So werde vor allem der iShares Physical Gold ETC rege gehandelt. Allerdings finde sich Gold nach Angaben von Mohr auch auf der Verkaufseite weit vorn, z.B. der WisdomTree Physical Swiss Gold.

Ähnlich sei bei der Société Générale der Handel mit Ölverbriefungen verlaufen: Während der WisdomTree Brent Crude Oil im Orderbuch die drittgrößte Position auf der Kaufseite aller ETCs sei, führe der WisdomTree WTI Crude Oil die Verkaufslisten an. "Hier hat man wohl auf die unterschiedliche Entwicklung der beiden Märkte gespielt", fasse Mohr zusammen.

Bei WisdomTree seien auf Monatssicht die Abflüsse aus ETCs auf den breiten Rohstoffmarkt besonders hoch. Nach Angaben des Unternehmens würden sie mit 2,078 Milliarden US-Dollar die Abflüsse aller anderen Rohstoff-ETCs zum Jahresende übersteigen. Energie-ETCs seien dagegen gesucht: Hier seien 832 Millionen US-Dollar hineingeflossen. Nahezu unverändert mit einem moderaten Abfluss von 10 Millionen US-Dollar verlaufe der Handel bei Industriemetallen. (Ausgabe vom 29.12.2022) (02.01.2023/fc/a/e)