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NEWS - ETF
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04.10.21 14:22
Morningstar deckt echte und falsche Vorteile von ETFs auf - ETF-News
FONDS professionell

Wien (www.fondscheck.de) - Vor rund 20 Jahren starteten ETFs ihren Siegeszug, aus den USA kommend, auch in Europa, so die Experten von "FONDS professionell".

Mit der zunehmenden Beliebtheit der Indexfolger seien einige Produkteigenschaften seitens der Marketingexperten der ETF-Anbieter derart publikumswirksam hervorgehoben worden, dass Anleger mitunter übersehen würden, dass viele der behaupteten Vorteile in der Wirklichkeit eher unbedeutend seien und sich manchmal sogar als Nachteil herausstellen könnten, meine Morningstar in einem aktuellen Beitrag. Andere, deutlich wirkungsmächtigere Vorteile hingegen hätten nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten, finde die Fondsratinggesellschaft.

ETFs würden wie Aktien während der normalen Handelszeiten über die Börse gekauft und verkauft, oftmals innerhalb weniger Sekunden. Das werde von Brokern und auch ETF-Anbietern regelmäßig hervorgehoben. Doch die sekündliche Handelbarkeit sei für Langfristinvestoren bestenfalls irrelevant. Nervösere Naturen könne sie sogar dazu verleiten, öfter zu handeln, als es ihnen guttue. Hier gelte: Man müsse kein Trading betreiben, nur weil man es könne. Gerade in Krisenzeiten sollten man sich davor hüten, weil man nur auf etwas reagiere, was sich nicht mehr ungeschehen machen lasse. Nicht umsonst habe der Urvater der Indexfonds, John "Jack" Bogle, wiederholt darauf hingewiesen, dass die Flexibilität von ETFs potenziell nachteilige Folgen für Anleger haben könne.

Die Flexibilität von ETFs werde in anderer Hinsicht indes allgemein unterschätzt: Und zwar, was ihre Einsatzmöglichkeiten betreffe. Anleger könnten ETFs long gehen, sie leer verkaufen, sie auf Margin kaufen, es gebe Optionen auf sie, und sie könnten verliehen werden. Klinge exotisch, aber diese Vielseitigkeit ziehe eine große und vielfältige Anlegerbasis an. Die Vielfalt der Anlegerbasis von ETFs und ihrer multiplen Anwendungsmöglichkeiten schaffe erst die Grundlage für die hohe Liquidität der großen, breit diversifizierten ETFs, die dann allen Anlegern zugutekomme.

Dass Anleger an jedem Handelstag quasi live sehen könnten, was und mit welcher Gewichtung im ETF stecke, werde als Vorteil hervorgehoben. Faktisch sei das aber für die meisten Anleger irrelevant. Sie würden langfristig einen Zugang zu einem Markt haben wollen, dessen Zusammensetzung recht stabil sei. Anleger in aktiv verwalteten Fonds würden ja auch nicht auf die Barrikaden gehen, weil sie nur einmal monatlich feststellen könnten, wie hoch die Gewichtung der Aktien in den Fonds seien, meine Morningstar. Eher dürften Langfristanleger die häufig wechselnden Besetzungen in ihren aktiv verwalteten Fonds stören - denn häufige Transaktionen kämen Anleger teuer zu stehen.

Spiegelbildlich sei die gute Vorhersagbarkeit der Zusammensetzung von ETFs vorteilhaft für Anleger. Sie sei die Folge der Stabilität und der niedrigen Umschichtungsquoten bei Standard-Indices. Die Regeln für die Auswahl und die Gewichtung von Wertpapieren in ETFs seien bekannt, und daher würden Investoren ihre ETF-Portfolios nicht täglich zu kontrollieren brauchen, weil sie im Prinzip wissen würden, was sie erwarte. Anleger seien bei ETFs also nur mit dem Marktrisiko konfrontiert. Ganz anders sei die Lage bei aktiven Fonds: Zusätzlich zum Marktrisiko seien Anleger mit sogenannten "idiosynkratischen Risiken" konfrontiert, in erster Linie dem Managerrisiko. Bei Indexfonds brauche man sich keine Sorgen darüber zu machen, ob ein erfolgreicher Manager seinem Arbeitgeber adé sage, versterbe, oder ob dieser sein "glückliches Händchen" behalte.

In früheren Zeiten seien die Kostenvorteile von ETFs tatsächlich groß gewesen, da viele nicht-börsennotierte Indexfonds spezielle Retail-Kanäle bedient hätten und es sich hätten leisten können, nicht kompetitiv gepreist zu sein, stelle Morningstar fest. Heute habe sich das aber verändert: Häuser wie iShares, Vanguard, Fidelity, Amundi und andere Indexfonds-Anbieter hätten "offene" Indexfonds in großem Stil lanciert, deren Kosten deutlich günstiger seien als die Indexfonds früherer Tage - auch wenn sie zumeist etwas teurer seien als ETFs.

Auch wenn die Produktkosten bei nicht-börsennotierten Indexfonds oftmals höher seien als bei ETFs, hätten sie andere Kostenvorteile, die viele Anleger nicht zur Kenntnis nehmen würden. Es würden keine Geld- oder Brief-Spannen anfallen, keine Brokergebühren, und es gebe keinen "Market Impact". Diese Kosten könnten sich über die Zeit - vor allem bei Anlegern, die per Sparplan investieren würden - auf erkleckliche Dimensionen summieren. Anleger sollten deshalb ihre Bleistifte spitzen, um zu sehen, ob es sich lohne, die Transaktionskosten von ETFs in Kauf zu nehmen, meine Morningstar.

Natürlich seien Kosten ein entscheidender, langfristig betrachtet vielleicht sogar DER Erfolgsfaktor für Anleger. Allerdings könnten es allzu knauserige ETF-Investoren auch zu weit treiben, wenn sie sich nur auf die Produktkosten kaprizieren würden. Es sei nicht entscheidend, ob ein Aktien-ETF fünf, sechs oder sieben Basispunkte koste, so Morningstar. Zwar unterböten sich ETF-Anleger derzeit bei der Lancierung neuer, billigster Produkte - aber wer sich nur nach den Produktkosten richte, beachte möglicherweise andere wichtige Faktoren nicht: Die Liquidität des Produkts, die Qualität der Indexreplikation, die Anzahl der Market Maker, der Auflagestandort, ja, sogar die Frage, ob es sich um einen thesaurierenden oder ausschüttenden ETF handele, gerate bei Privatanlegern oftmals aus dem Fokus.

Im Nachhinein sei die Einführung von Gratis-ETF-Sparplänen in großem Stil durch die Deutsche-Bank-Tochter Xtrackers im Jahr 2010 zusammen mit der damaligen Direktbank DAB quasi der Startschuss für den Massenvertrieb von ETFs unter Privatanlegern in Deutschland gewesen, rufe Morningstar in Erinnerung. Ein Grund für den Erfolg der Initiative sei die Beharrlichkeit der Marktbearbeitung gewesen, aber nur bis zur Integration der DAB durch BNP Paribas Mitte 2016. Danach sei das Angebot zusammengestrichen worden. Zwar seien Gratis-Sparpläne heute gang und gäbe, aber es handele sich überwiegend leider um kurzfristige Aktionen mit begrenzten Angeboten. Das habe Unruhe in den Markt gebracht. Vermutlich, so die Morningstar-These, würden nicht wenige Anleger "Sparplan-Hopping" bei verschiedenen Brokern betreiben, möglicherweise mit nicht passgenauen Produkten, nur um auf Teufel komm´ raus Kosten zu sparen.

Häufig sei der Rat zu hören, Anleger sollten besser nur auf "echte" ETFs setzen. Damit seien physisch replizierende ETFs gemeint. Das seien ETFs, die nur in die tatsächlichen Bestandteile des zugrunde liegenden Index investieren würden. Spiegelbildlich würden Swap-ETFs als Teufelszeug gebrandmarkt, weil sie eine derivative Komponente beinhalten würden. Oft werde dann der DAX-ETF zitiert, der aus japanischen Nebenwerten bestehe. Das sei zum einen lange passé und zum anderen führe die Polemik dazu, dass Anleger übersehen würden, dass "echte" ETFs, die Wertpapierleihe betreiben würden, ebenfalls ein sogenanntes Gegenpartei-Risiko aufweisen würden. Zum anderen würden Swap-ETFs in manchen Märkten deutlich Vorteile gegenüber voll replizierenden ETFs aufweisen, etwa bei US-Aktien.

Auch wenn es eigentlich überflüssig sei, das zu erwähnen: Swap-ETFs würden durch die europäischen Fondsrichtlinien reguliert - es handele sich also nicht um ETFs "zweiter Klasse". Auch werde die Zusammensetzung der Wertpapierkörbe transparent und zeitnah durch die Anbieter kommuniziert. Darüber hinaus würden Anleger geflissentlich ignorieren, dass aktiv verwaltete Fonds ebenfalls in großem Maßstab Swaps einsetzen würden - ja, die Performance so mancher aktiv verwalteter Fonds werde zu großen Teilen aus Swaps erzielt. Es lohne sich also, in der konkreten Situation Vorteile und Nachteile der jeweiligen Replikationsarten nüchtern abzuwägen. (Ausgabe vom 01.10.2021) (04.10.2021/fc/n/e)


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