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Gewissensfrage: Grüne Investition kontra Sünden-Investition


11.11.20 11:30
fondscheck.de

Bad Marienberg (www.fondscheck.de) - Investoren stehen immer wieder vor der Gewissensfrage, ob sie ihr Geld sozial verantwortlich in ethisch wertvolle Geldanlagen investieren oder buchstäblich über Leichen gehen und in Branchen wie Tabak, Waffen oder Glücksspiel investieren. Wofür sich ein Anleger entscheidet, hängt vor allem von seine Anlagephilosophie ab. Dabei ist es für jeden Anleger wichtig, genau abzuwägen. Hier einige Fakten zum Thema.

Grün oder Sünde? Das ist die Frage.

Glücksspielaktien – Verdienen am Verlust des Einzelnen?


Am Ende gewinnt immer die Bank. Das ist die Quintessenz beim Glücksspiel, wobei mit Bank natürlich Spielbank gemeint ist. Selber spielen lohnt sich finanziell also kaum und sollte nur zur Unterhaltung betrieben werden. Bei Investments in Casinoaktien sieht es schon anders aus. Wenn immer die Bank, also das Glücksspielunternehmen, gewinnt, könnte sich eine Investition durchaus lohnen.

In Zeiten der Digitalisierung haben Online Casinos den lokalen Spielbanken längst den Rang abgelaufen. Während die Corona-Pandemie den Präsenz-Casinos schwer zu schaffen macht, profitieren Online Casinos sogar davon. Allerdings sind Marktanalysen auch bei Investitionen in die Glücksspielbranche enorm wichtig. Gerade im deutschen Sprachraum ist der Glücksspielmarkt aktuell im Umbruch. In Deutschland traten am 15. Oktober 2020 strenge Übergangsregeln für das Online Glücksspiel in Kraft. Auch die Schweiz verschärfte 2019 seine Glücksspielgesetze. Betriebsgenehmigungen für Onlineglücksspiel erfordern eine Schweizer Zertifizierung. Es würde also wenig Sinn ergeben, sein Geld in Aktien von Online Casinos ohne Schweizer Lizenz anzulegen.

In der Hausse gut, schlecht in der Baisse


An der Börse gelistete Branchengrößen wie GVC Holdings oder 888 Holdings haben sich nach dem ersten Lockdown im März schnell wieder erholt. Die großen Anbieter von offline Glücksspiel wie MGM Resorts International oder Las Vegas Sands haben dagegen noch immer zu kämpfen. Alles in allem sind Investitionen in Glücksspiel sehr zyklisch. Unter einem schwierigen Börsenumfeld haben Glücksspielaktien häufig zu leiden. Läuft der Gesamtmarkt gut, steigen sie im Wert. Der VanEck Vectors Gaming ETF hat seit seiner Auflegung beispielsweise 21 Prozent weniger Rendite erzielt als ein vergleichbares Engagement in ein S&P-Investment.

Waffenindustrie - Unmoralisch aber lukrativ


Der Einfluss der amerikanischen Waffenlobby auf die Politik im Weißen Haus ist enorm. Schärfere Waffengesetze werden seit Jahren abgeschmettert. Außenpolitisch konnte den Waffenherstellern selbst die friedliche Revolution in den Warschauer Pakt-Staaten 1990 nichts anhaben. Als mit der Sowjetunion der größte Feind das Wettrüsten beendete, wurden eben Afghanistan und Irak zu neuen Feinden erklärt. Durch die beiden Golfkriege (1990, 2003) konnten Anleger mit Waffen viel Geld verdienen.

Von allen Sünden-Investitionen sind Geldanlagen in Waffen am renditeträchtigsten. ETFs mit dem Fokus Rüstungsindustrie schlagen den S&P500 um Längen. Beispiele sind der Aerospace & Defense ETF oder der ETF von State Street (SPDR S&P Aerospace & Defense ETF).

Investitionen in Alkohol und Tabak - So zyklisch wie die Börse


Der Konsum von Tabak ist heutzutage Krebserreger Nummer 1. Der Welt-Tabak-Bericht der WHO beziffert die jährliche Anzahl von Toten durchs Rauchen weltweit mit acht Millionen. Auch Alkohol fordert jährlich viele Todesopfer. Damit Geld zu verdienen, ist moralisch ebenso fraglich wie Investitionen in Waffen. Der Advisor Shares Vice ETF investiert in Wertpapiere von Unternehmen, die mindestens 50 Prozent ihres Nettoumsatzes mit Tabak oder alkoholischen Getränken sowie mit der Marihuana- / Hanf-Industrie erzielen. Seine Performance weist ein ähnlich zyklisches Muster wie Glücksspiel-Investments auf. Im schlechten Börsenjahr 2018 verlor der ETF deutlich mehr als der S&P500. Es braucht schon ein gutes Jahr wie 2019, damit solche Investments bezüglich der Performance besser dastehen als der S&P500.

Ethische Investments – Win-win-Situation für Anleger und Umwelt?


Ethische Investments berücksichtigen neben dem wirtschaftlichen Anlageziel Rendite auch nachhaltige Wertvorstellungen des Anlegers. In den letzten zehn Jahren entstand ein regelrechter Boom an ethischen Investments, die unter den Labels ESG (Environment, Social und Governance, also Umwelt, Soziales und "verantwortungsvolle" Führung oder SRI (Socially Responsible Investing, also sozial verantwortliches Investieren) vermarktet werden. Aber wie so oft in der Wirtschaft: Ist etwas erfolgreich, springen viele Anbieter auf den Zug auf. Mit dem schnellen Anstieg der Popularität grüner Geldanlagen setzte auch das sogenannte Greenwashing ein. Mit diesem Begriff bezeichnet man Geldanlagen, die ethischer aussehen als sie sind. Ein weiterer Konflikt entsteht durch die Diversifikation. Die breite Streuung ist eigentlich ein Instrument der Risikominimierung. Aber je breiter diversifiziert eine ethische Geldanlage ist, desto stärker verwässert sich auch der Anspruch auf Umweltverträglichkeit. Wer nur auf eine Branche setzt, als Beispiel seien die deutschen Photovoltaikunternehmen genannt, kann bei seiner Investition viel Geld verlieren.

Auf der anderen Seite ist es fraglich, ob man bei dem Euro Stoxx 50 ESG noch von einer grünen Geldanlage sprechen kann, wenn Unternehmen wie Total, ENI, Unilever, BMW, Daimler und BASF darin enthalten sind. Eine massive Diversifikation ist aber nun einmal der Schlüssel für eine erfolgreiche Investition. Die Börsianer behandeln das Problem eher pragmatisch und vergeben das Label ESG oft schon an Fonds, in denen Unternehmen enthalten sind, die weniger umweltschädlich agieren als der Durchschnitt der Branche. Das ist der Grund dafür, dass Wertpapiere von Öl-, Gas-, Auto- und Atomenergieunternehmen in zahlreichen ESG-Geldanlagen enthalten sind.

Win-win-Situation für Anleger und Umwelt ist eine Illusion


Somit bleibt festzuhalten, dass die Angebote der meisten breit gestreuten ESG-Geldanlagen lediglich eine Win-win-Situation für Emittent und Anleger sind, nicht aber für die Umwelt und die Gesellschaft. Sie verschaffen dem Anleger ein gutes Gewissen bei seiner Geldanlage und dienen der Politik dazu, die Debatten über die Grenzen des Wachstums zu vermeiden. Um eine wirkliche Win-win-Situation für Wirtschaft und Gesellschaft zu schaffen, bräuchte es nachhaltigen Öko-Anlageprodukte, die preisgünstig, selektiv und trotzdem noch breit gestreut sind. Danach sucht man bei BlackRock, Vanguard, Fidelity & Co aber vergebens. Dass auch der Staat noch nicht auf die Idee gekommen ist, solche Angebote auf den Markt zu bringen, um damit beispielsweise die private Altersvorsorge zu fördern, macht alle Aussagen des Kabinetts Merkel IV zum Thema Umwelt- und Klimaschutz zu leeren Worthülsen. (11.11.2020/fc/n/s)