Fondsstudie: Enorme Differenz zwischen ausgewiesenen und realen Kosten - Fondsnews


03.11.21 12:11
FONDS professionell

Wien (www.fondscheck.de) - Die Total Expense Ratio (TER) verrät nicht, wie stark die Kosten wirklich auf der Performance lasten, so die Experten von "FONDS professionell".

In einem Gastbeitrag für FONDS professionell ONLINE würden zwei Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Analyse von 50 der größten deutschen Sondervermögen präsentieren.

Bei den Kosten von Fonds komme es nicht nur auf die ausgewiesene TER an, sondern auf zusätzliche Komponenten, die darin nicht enthalten seien. Alexander Romanski von der Kapitalverwaltungsgesellschaft R.I. Vermögensbetreuung und Gösta Jamin, Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, hätten 50 große deutsche Fonds im Hinblick auf ihre Kosten durchleuchtet. Im folgenden Gastbeitrag für FONDS professionell ONLINE würden sie ihre Analyse vorstellen.

Im Dreieck zwischen Anleger, Anlageberater und Fondsgesellschaft würden die Kosten von Fonds eine zentrale Rolle spielen. Dabei würden die drei Parteien durchaus unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Interessen verfolgen: Anleger seien an möglichst geringen Gesamtkosten interessiert, um ihre Rendite nach Kosten zu maximieren. Anlageberater wollten für ihre Kunden eine möglichst gute Performance ausweisen, gleichzeitig aber einen angemessenen Anteil der Fondskosten als Kompensation für ihre Beratungsleistung erhalten. Fondsgesellschaften wollten in veröffentlichten Fondsrankings mit der erzielten Performance gut dastehen, gleichzeitig aber möglichst viel für die erbrachte Leistung des Portfoliomanagements vereinnahmen.

Für Anleger und Anlageberater sei es - im Unterschied zur Fondsgesellschaft - eine Herausforderung, sich vollständige Transparenz über die Kosten von Fonds zu verschaffen. Zwar werde durch den verpflichtenden Ausweis der Total Expense Ratio (TER) versucht, eine gewisse Transparenz und Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen Fonds herzustellen. Allerdings enthalte die TER nicht alle tatsächlich anfallenden Kosten. Nicht enthalten seien - neben dem Ausgabeaufschlag - erfolgsabhängige Vergütungen, Zinsen aus Kreditaufwendungen, Transaktionskosten, sonstige Aufwendungen und Kosten für Sicherungsgeschäfte. Diese würden zwar zum Teil in den Geschäftsberichten von Fonds ausgewiesen, nicht aber in die TER hineingerechnet.

Für Anleger und Anlageberater sei es wichtig, diese Gesamtkosten zu kennen, um ihre eigene Position im oben beschriebenen Dreieck mit der Fondsgesellschaft zu kennen. Vor diesem Hintergrund habe Alexander Romanski im Rahmen seiner Masterarbeit im MBA Digital Finance, Strategie und Accounting an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen die Gesamtkosten für 50 große Fonds in Deutschland für den Zeitraum von 2015 bis 2020 ausgewertet, für die vergleichbar auswertbare Daten vorlägen. Der Datensatz enthalte sowohl aktive als auch passive Fonds mit einem Gesamtvolumen von nahezu 100 Milliarden Euro.

Die drei betrachteten Größen seien die ausgewiesene TER, die reale TER als Summe aus ausgewiesener TER sowie erfolgsabhängiger Vergütungen, Zinsen aus Kreditaufwendungen, Transaktionskosten und sonstigen Aufwendungen und der Spread als Differenz zwischen ausgewiesener und realer TER. Ausgabeaufschläge sowie Kosten für Sicherungsgeschäfte seien in der Analyse unberücksichtigt geblieben. Ausgabeaufschläge würden nicht innerhalb des Fonds anfallen, sondern müssten bei Kauf eines Fondsanteils separat vom Anleger gezahlt werden. Kosten der Absicherung würden zwar auf Ebene des jeweiligen Fonds anfallen, seien aber anhand der Jahresberichte nicht zu identifizieren. Diese beiden Kostenarten hätten deshalb bei der Analyse nicht berücksichtigt werden können.

Folgende Schlussfolgerungen würden sich aus der Analyse ableiten lassen:

- Der Spread zwischen ausgewiesener TER und realer TER spiele eine große Rolle. Im Durchschnitt über alle Fonds und den Gesamtzeitraum betrage er 0,17 Prozentpunkte, schwanke aber tatsächlich zwischen 0,00 und 7,04 Prozentpunkten, sodass er bei einzelnen Fonds eine erhebliche Größenordnung ausmache.

- Die hinsichtlich realer TER teuersten drei der untersuchten 50 Fonds seien der Privatfonds: Kontrolliert pro mit einer realen TER von 9,50 Prozent im Geschäftsjahr 2017-2018, der Metzler Wachstum International mit 3,62 Prozent im Geschäftsjahr 2016-2017 und der Privatfonds: Kontrolliert mit 3,59 Prozent im Geschäftsjahr 2015-2016. Die günstigsten drei Fonds seien der iShares Pfandbriefe UCITS ETF mit einer realen TER von 0,11 Prozent in allen betrachteten Geschäftsjahren, der iShares Core Euro Stoxx 50 UCITS ETF mit 0,11 Prozent im Geschäftsjahr 2015-2016 und der Deka DAX UCITS ETF mit 0,15 Prozent im Geschäftsjahr 2015-2016.

- Aktiv gemanagte Fonds hätten - wenig überraschend - mit 1,42 Prozent nicht nur eine höhere ausgewiesene TER als passive Fonds mit 0,22 Prozent, sondern auch der Spread zwischen ausgewiesener und realer TER sei mit 0,20 Prozentpunkten deutlich höher als bei passiven mit 0,03 Prozentpunkten. Ebenso sei die Schwankungsbreite dieses Spreads bei aktiven Fonds viel größer. Einschränkend sei hier allerdings zu erwähnen, dass bei ETFs die sich aus den Zu- und Abflüssen von Investoren ergebenden Handelskosten außerhalb des Sondervermögens in Form der Geld-Brief-Spanne beim Handel der Instrumente anfallen würden, während sie bei aktiv gemanagten Fonds innerhalb des Fonds anfallen würden. Dies führe zu einer etwas zu günstigen Darstellung der ETFs.

- Der Spread zwischen ausgewiesener und realer TER setze sich sowohl bei aktiven als auch passiven Fonds vor allem aus sonstigen Aufwendungen (meist Depotgebühren) und Transaktionskosten zusammen. Bei den aktiven Fonds würden auch erfolgsabhängige Vergütungsbestandteile eine tragende Rolle spielen.

- Kleinere Fonds (unter fünf Milliarden Euro Volumen) hätten mit 1,21 Prozent eine größere ausgewiesene TER als größere Fonds (über fünf Milliarden Euro Volumen). Hinsichtlich des Spreads zwischen ausgewiesener und realer TER gebe es jedoch keinen Unterschied.

- Der maximale Spread zwischen ausgewiesener und realer TER schwanke deutlich zwischen den Jahren, mit einem höchsten Wert von 7,04 Prozentpunkten bei einem Fonds 2017-2018 und einem niedrigsten Wert mit 1,06 Prozentpunkten bei einem anderen Fonds 2019-2020. Der relativ hohe maximale Spread zwischen ausgewiesener und realer TER im Jahr 2017-2018 sei auf ein starkes Börsenjahr und eine damit einhergehende hohe erfolgsabhängige Vergütung zurückzuführen.

Nicht in der ausgewiesenen TER enthaltene Kosten hätten relevante Größenordnungen und würden somit über das Potenzial verfügen, Anlagerenditen merklich zu reduzieren. Zudem würden diese Kosten sehr stark zwischen einzelnen Produkten schwanken. Insofern lohne sich vor Erwerb ein genauerer Blick auf die einzelnen Produkte, um festzustellen, ob die vergangene und die künftig zu erwartende reale TER, die Kaufinteressenten mittlerweile aufgrund von Mifid II in der Vorabkosteninformation mitgeteilt werden müsse, zutreffend oder doch geschönt sei. Für die Bewertung dieses Aspekts bei einer konkreten Anlageentscheidung ergebe sich allerdings das Problem, dass die nicht ausgewiesenen Kosten immer erst im Rückblick feststünden.

Der Kostenunterschied zwischen aktiven und passiven Fonds vergrößere sich durch die Berücksichtigung des Spreads zwischen ausgewiesener und realer TER weiter, da dieser bei passiven Produkten nur etwa ein Siebtel des Wertes aktiver Produkte ausmache. Dieser Unterschied ergebe sich unter anderem durch Performance-Fees, Zinsen für Kreditaufwendungen sowie Transaktionskosten.

Performance-Fees würden aus Sicht des Anlegers durchaus ein zweischneidiges Schwert darstellen. Einerseits sollten sie einen Anreiz für Fondsmanager bieten, eine möglichst gute Performance zu erzielen. Andererseits würden sie Fondsmanager zu einem höheren Risikoprofil ermutigen, da diese zwar an einer guten Performance partizipieren würden, aber im Falle schlechter Performance keine negative erfolgsabhängige Vergütung in Kauf nehmen müssten. Zudem ermögliche die Performance-Fee in Zeiten generell steigender Märkte ein zusätzliches anstrengungsloses Einkommen und sollte gerade bei sogenannten "Long only"-Produkten kritisch gesehen werden.

Der Gesetzgeber sollte erwägen, den Ausweis der TER im Sinne einer höheren Transparenz so zu modifizieren, dass ein größerer Teil der bisher nicht enthaltenen Kostenkomponenten darin enthalten sei. Eine einfach umzusetzende Möglichkeit sei die Veröffentlichung der realen TER der letzten zehn Jahre in den wesentlichen Anlegerinformationen, in denen auch die Ergebnisse der letzten zehn Jahre zu veröffentlichen seien. Dadurch hätten Anleger ein realistisches Bild über die Gesamtkosten und deren Entwicklung in guten und weniger guten Börsenjahren.

Die Herstellung von mehr Transparenz liege auch im Interesse der aktiv gemanagten Fonds. Fatal für die Fondsindustrie wäre, wenn der Eindruck von Intransparenz wegen nicht in der ausgewiesenen TER enthaltenen Kostenpositionen zu einer (noch) stärkeren Bewegung von Anlagegeldern in Richtung passiver Fonds führen würde, wo dieses Problem naturgemäß viel kleiner sei.

Alexander Romanski arbeite als Prokurist für die R.I. Vermögensbetreuung. Die konzernfreie Kapitalverwaltungsgesellschaft aus Ettlingen veröffentliche für ihre drei Investmentfonds in den wesentlichen Anlegerinformationen auch die reale TER für die letzten zehn Geschäftsjahre. Bevor Romanski zur R.I. Vermögensbetreuung gekommen sei, habe der gelernte Investmentfondskaufmann im Bereich Treasury und Devisenhandel für die Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser Privatbankiers sowie im Bereich Fondsadministration für die französische Großbank BNP Paribas und die amerikanische State Street Corporation gearbeitet.

Gösta Jamin sei Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. In früheren beruflichen Stationen habe er als Leiter der Kundengruppe Geschäftskunden und kleine Firmen bei der Hypovereinsbank in München sowie als Berater in der Banking-Practice von McKinsey gearbeitet.

Wie groß ist der Unterschied zwischen ausgewiesener und realer TER bei den größten deutschen Fonds und ETFs? Die Antwort sei unter dem folgenden Link zu finden. (News vom 02.11.2021) (03.11.2021/fc/n/s)





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