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Fonds-Token: "Noch keine wirklich überzeugenden Geschäftsideen" - Fondsnews


15.11.21 14:33
FONDS professionell

Wien (www.fondscheck.de) - Handeln wir bald alle wie selbstverständlich tokenisierte Fondsanteile über eine Blockchain? Thomas Heinatz, der bei Accenture die Beratung von Asset Managern leitet, dämpft im Interview mit FONDS professionell ONLINE den Optimismus, so die Experten von "FONDS professionell".

Wenn ein Kunde bei seiner Bank oder Berater einen Fonds kaufe, bekomme er in aller Regel nichts davon mit, welche Prozesse im Hintergrund ablaufen würden. Bis der Fondsanteil in seinem Depot gelandet sei, hätten Einrichtungen wie die Lagerstelle, der Transfer Agent, die Verwahrstelle und der Zentralverwahrer ihre Finger im Spiel gehabt. Das sei nicht nur kompliziert, sondern fresse auch Zeit. Kein Wunder, dass mancher in der Asset-Management-Branche große Stücke auf tokenisierte Fondsanteile setze, die bequem via Blockchain den Besitzer wechseln könnten. Zeit für einen Realitäts-Check mit Thomas Heinatz. Er verantworte beim Consultinghaus Accenture die Beratung von Fondsanbietern in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Herr Heinatz, immer wieder ist zu hören, dass die Blockchain die Finanzwelt revolutionieren wird. Handeln wir in einigen Jahren wie selbstverständlich mit tokensierten Fondsanteilen?

Thomas Heinatz: Erste Asset Manager starten Versuche in diese Richtung, aber ein flächendeckender Trend ist das noch nicht. Noch fehlt auch ein klarer regulatorischer Rahmen. Wenn mich ein Fondsanbieter fragen würde, ob er viel Geld in diesen Bereich investieren soll, würde ich ihm eher abraten.

Warum?

Heinatz: Bislang ist schlicht noch offen, welche echten Vorteilen die Endkunden von Fonds-Token hätten. Wirklich überzeugende Geschäftsideen von Asset Managern sind mir da noch nicht untergekommen.

Ein echter Vorteil wäre die einfachere Abwicklung. Heute dauert es drei oder vier Tage, bis aus dem Geld des Anlegers ein Fondsanteil geworden ist.

Heinatz: Das stimmt, aber dafür braucht es die Blockchain nicht. Zeit- und Kostenvorteile lassen sich auch anders erreichen. Nehmen Sie als Beispiel den Zahlungsverkehr: Instant Payment funktioniert ebenfalls ohne Blockchain. Aktuell werden in Deutschland pro Tag mehr als 50 Millionen elektronische Zahlungstransaktionen abgewickelt. Über eine Blockchain wären aktuell nur einige Zehntausend machbar, mehr geht technisch nicht. Das wird sich sicherlich ändern, aber das braucht seine Zeit.

Hat die Tokenisierung im Fondsvertrieb also keine Zukunft?

Heinatz: So hart würde ich das nicht formulieren. Ich würde mich fürs Erste aber nicht auf die ohnehin schon liquiden Produkte wie Aktien- oder Rentenfonds stürzen, sondern mich auf die illiquiden Anlageklassen konzentrieren, zum Beispiel Immobilien, Private-Equity oder Infrastruktur. Wenn ein Kunde beispielsweise bequem Anteile eines tokenisierten Solarparks in sein Altersvorsorge-Depot legen könnte, hätte das für ihn einen echten Mehrwert.

Manche Asset Manager verknüpfen mit der Blockchain weitere Hoffnungen: Sie setzen darauf, dadurch den Anleger viel besser kennen zu lernen. Einige liebäugeln auch damit, sich den teuren externen Vertrieb sparen zu können.

Heinatz: Eine Abwicklung über die Blockchain und tokenisierte Fondsanteile könnten zwar dabei helfen, viele Informationen über die Endkunden zu bekommen. Aber das hilft noch nicht entscheidend weiter, denn diese Informationen müssen auch genutzt werden - Stichwort Data Mining. Dafür bräuchten die Asset Manager ein leistungsfähiges System für das Customer Relationship Management, was ihnen heute schlicht noch fehlt. Da sind die Banken und Versicherer Stand heute deutlich besser aufgestellt. Dennoch glaube ich, dass auch die Fondsanbieter in den kommenden Jahren verstärkt versuchen werden, direkt auf die Endkunden zuzugehen. Mit welchem Erfolg, muss sich dann noch zeigen.

Vielen Dank für das Gespräch. (News vom 12.11.2021) (15.11.2021/fc/n/s)