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Anleger aufgepasst: Vorsicht bei ESG-Ratings


18.11.20 13:30
Candriam

Brüssel (www.fondscheck.de) - ESG-Ratings werden immer beliebter, so die Experten der Candriam Investors Group.

Umso mehr sollten sich Anleger jedoch über deren Stärken und Grenzen im Klaren sein. Denn: Es gebe zwar Versuche zur Standardisierung. Jeder Anbieter von ESG-Ratings treffe allerdings nach wie vor seine eigene Entscheidung - ausgehend von seiner Beurteilung, wie wesentlich einzelne Themen seiner Ansicht nach seien. Das könne in die Irre führen, wenn Anleger sie als umfassende Darstellung der Nachhaltigkeits- oder ESG-Referenzen von Fonds auslegen würden, meine David Czupryna, Head of ESG Development beim europäischen Assetmanager Candriam.

Mal angenommen, man solle ein Portfolio aufbauen, wobei Nachhaltigkeit eines der Haupt-Anlageziele sei. In welches der folgenden Unternehmen würden Anleger lieber investieren? In Tomra, ein norwegisches Unternehmen, das die Sammlung von Plastik- und Glasflaschen zu Recyclingzwecken ermögliche, oder in Altria, einen US-Konzern, der Tabak- und Nikotinprodukte herstelle? Wer einem der führenden Anbieter von ESG-Research folge, werde lieber in Altria investieren, denn dieser Konzern bekomme ein besseres ESG-Rating als Tomra.

ESG-Ratings würden sich zunehmender Beliebtheit erfreuen und mehrere ESG-Datenanbieter hätten ihr eigenes Rating ins Leben gerufen. Doch würden eigentlich die Methodik und die Daten, auf denen diese Ratings basieren würden, von den Anlegern in ausreichendem Maße unter die Lupe genommen? Seit mehreren Jahren nehme auf Anlegerseite die Nachfrage nach der Integration von ESG-Faktoren zu. Die COVID-19-Krise liefere weitere Impulse, was sich an den positiven Kapitalzuflüssen zeige, die zahlreiche ESG-Fonds seit Jahresbeginn verzeichnet hätten. Zugleich seien ESG-Fonds-Ratings, auch aus Mangel an Standards, attraktiver geworden. Abgeleitet seien diese Ratings von den gleichen Grundsätzen, die Fonds-Ratings so beliebt gemacht hätten und sie würden als Instrument für Anleger dienen, ihre Fondsauswahl einzuengen.

Allerdings wäre es irreführend, eine Parallele zwischen ESG-Ratings und Fonds-Ratings zu ziehen. Letztere würden in der Regel auf einer quantitativen Analyse der historischen risikobereinigten Renditen von Fonds basieren. Diese Renditen könnten zwar unterschiedlich berechnet werden. Sämtliche Methodiken seien aber eher in der Portfoliomanagement-Theorie verankert. Als Ausgangsdaten würden so die historischen Wertpapier-Schlusskurse an einem geregelten Markt oder von einer namhaften Stelle dienen, bei der Wertpapierkurse zusammengeführt würden. Jene Daten könnten als unzweideutig, objektiv und standardisiert angesehen werden.

ESG-Ratings hingegen seien auf eine große Menge von quantitativen Daten sowie auf Offenlegungen von Unternehmen angewiesen, damit sie überhaupt berechnet werden könnten. Und wenn keine Daten offengelegt würden, würden sie oft auf Schätzwerte zurückgreifen.

Erstens gebe es keinen globalen Standard, der definiere, was im ESG-Rating eines Unternehmens mit berücksichtigt werden sollte. Jeder Anbieter von ESG-Ratings treffe seine eigene Entscheidung - ausgehend von seiner Beurteilung, wie wesentlich die einzelnen Themen seiner Ansicht nach für die einzelnen Sektoren seien. Beispiel: Der Fall Boohoo - zwei der größten ESG-Ratingagenturen hätten diesbezüglich unterschiedliche Risikobeurteilungen abgegeben. Die eine habe das Unternehmen hochgestuft, die andere hingegen als mittleres Risiko eingestuft.

Es gebe bereits Versuche, die Liste der zu betrachtenden ESG-Themen zu standardisieren, etwa die vom Sustainable Accounting Standards Board (SASB) entwickelte Materiality Map oder die von der Global Reporting Initiative (GRI) geschaffenen Standards für die Berichterstattung. Die meisten Anbieter von ESG-Ratings würden für die Berechnung ihrer Wertungen bislang allerdings noch ihre eigene Wesentlichkeitsmatrix definieren.

Dann stelle sich für jedes ESG-Thema noch die Frage, wie es durch Messungen zu bewerten sei. Man solle doch mal davon ausgehen, dass der Klimawandel als für ein bestimmtes Unternehmen relevant angesehen werde. Wie bewerte man das Ausmaß, in dem das Unternehmen dem komplexen Thema Klimawandel ausgesetzt sei? Durch die Messung seiner Emissionen von Treibhausgasen? Wenn ja, sollte man dabei auch die Emissionen der Rohstofflieferanten des Unternehmens oder die durch den Gebrauch oder Verbrauch der Produkte des Unternehmens entstehenden Emissionen (als Scope-3-Emissionen bezeichnet) mit berücksichtigen?

Und sollte eine Ratingagentur von den eigenen Treibhausgas-Emissionen eines Unternehmens auch die Emissionen abziehen, deren Vermeidung die Produkte des Unternehmens bei einem anderen Unternehmen ermöglicht hätten? Angenommen, ein Stahlproduzent liefere die Masten, die einem Energieversorger den Aufbau von Windkraftanlagen ermöglichen würden. Werde der Stahlproduzent dadurch nachhaltig, obwohl die Stahlproduktion eine der Wirtschaftsaktivitäten mit der höchsten Kohlenstoff-Intensität weltweit sei?

Nach der Beschäftigung mit den Fragen, was bei einem ESG-Rating zu berücksichtigen sei und wie das durch Messungen zu bewerten sei, stelle sich dann noch die Frage der Verfügbarkeit von Daten. Es gebe zwar Versuche, bestimmte ESG-Offenlegungen zur Pflicht zu machen sowie ein gemeinsames Format für Offenlegungen zu definieren. Derzeit existiere allerdings kein akzeptierter globaler Standard, der die Offenlegung bestimmter Daten vorschreibe. Derartigen Standards am nächsten kämen Initiativen wie beispielsweise das SASB, die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) und die GRI oder das Carbon Disclosure Project (CDP), welches Daten über die von Unternehmen verursachten Treibhausgasemissionen weltweit erfasse. Allen diesen Anstrengungen zum Trotz: Einem vom US-Rechnungshof (Government Accountability Office) kürzlich veröffentlichten Bericht zufolge fehle es ESG-Offenlegungen noch immer an Detailliertheit, Konsistenz und Vergleichbarkeit.

Die Materiality Map des SASB enthalte 26 mögliche ESG-Themen, mit Hunderten von zugrunde liegenden ESG-Datenpunkten. Die Breite und Tiefe dieser Daten erkläre, warum die meisten Anleger der Notwendigkeit einer Integration von ESG zustimmen würden. Im Mittelpunkt der Debatte stehe die Frage, welche Informationen zu berücksichtigen seien und wie diese in Anlageentscheidungen integriert werden sollten. Jedes ESG-Rating stelle nur einen einzelnen Versuch zur Beantwortung dieser Fragen dar und reihe sich ein in die Vielzahl der möglichen Kombinationen aus verfügbaren oder geschätzten ESG-Daten.

Das eingangs beschriebene Beispiel mit Tomra und Altria zeige, wie auch schon der Fall Boohoo: Wenn ein anderer führender Anbieter von ESG-Ratings zum Einsatz gekommen wäre, hätte dies zur genau entgegengesetzten Anlageentscheidung geführt, da Tomra das bessere ESG-Rating bekommen hätte. Diese Diskrepanz spreche aber nicht gegen ESG-Ratings als solche. Vielmehr unterstreiche sie noch einmal, dass sich Anleger über die zugrunde liegenden Methodiken für ESG-Ratings im Klaren sein müssten, auch über ihre Stärken und Grenzen.

Nicht genug damit, dass ESG-Ratings Fragen zur Datenkonsistenz von Anbieter zu Anbieter aufwerfen würden, würden sie auch nur einen Teil der Referenzen eines Fonds im Bereich ESG erfassen. Wichtige Aspekte im Zusammenhang damit, wie der Fondsmanager in den Dialog mit den Unternehmen trete, das bisherige Verhalten bei Abstimmungen, oder ob bestimmte Sektoren ausgeschlossen seien, würden durch Beurteilungen für ESG-Fonds-Ratings meist nicht berücksichtigt.

Diese Ratings seien unvollständig oder sie könnten gar in die Irre führen, wenn Anleger sie als umfassende Darstellung der Nachhaltigkeits- oder ESG-Referenzen von Fonds auslegen würden. Es sei also sehr wichtig, dass Anleger diese Grenzen erkennen würden. (18.11.2020/fc/n/s)