Erweiterte Funktionen

Taxonomie allein ist kein Maßstab für Nachhaltigkeit von Fonds - Fondsnews


01.06.21 11:30
BVI

Frankfurt (www.fondscheck.de) - Fonds, die marktübliche ESG-Anlagestrategien und Mindestausschlüsse anwenden, erreichen selbst dann bessere Nachhaltigkeitswerte als nicht nachhaltige Vergleichsportfolios, wenn der Anteil der taxonomiekonformen Aktivitäten im Fondsportfolio gering ist, berichten die Experten vom BVI.

Der Taxonomie-Anteil sei deshalb kein alleiniger Maßstab für die Nachhaltigkeit eines Fonds. Zu diesem Ergebnis komme eine Analyse des deutschen Fondsverbands BVI auf Basis einer Portfolio-Simulation. Demnach werde die Taxonomie-Quote selbst in nachhaltigen Fonds im Sinne der EU-Offenlegungsverordnung vorerst nur im einstelligen Prozentbereich liegen, sofern das Portfolio ausreichend diversifiziert sein solle. Grund dafür sei, dass die Taxonomie noch am Anfang stehe. Bisher seien erst für zwei der insgesamt sechs Umweltziele der Taxonomie entsprechende nachhaltige Aktivitäten und technische Kriterien definiert. Auch die geplanten sozialen Nachhaltigkeitsziele würden noch fehlen. Voraussetzung für höhere Taxonomie-Anteile in den nachhaltigen Fondsportfolien sei daher die Weiterentwicklung der technischen Kriterien der Taxonomie.

Eine weitere Ursache für geringe Taxonomie-Anteile im Musterportfolio könnte laut der Analyse die eingeschränkte Verfügbarkeit von ESG-Daten der Unternehmen sein. Um die Übereinstimmung der Aktivitäten von Portfoliounternehmen mit der Taxonomie prüfen und veröffentlichen zu können, würden Fondsmanager detaillierte Daten zu anteiligen Umsätzen, Investitionsausgaben ("Capex") und Betriebsausgaben ("Opex") brauchen. Während sich der Markt bei den Umsätzen mit Schätzungen behelfen könne, seien zu Capex und Opex selbst dafür zu wenige Daten verfügbar. Darüber hinaus gebe es noch erhebliche Datenlücken zu Unternehmen mit Sitz außerhalb der EU, beispielsweise aus den USA und China. Diese Lücken sollten zumindest teilweise durch die neue EU-Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung (CSRD) geschlossen werden. Im weltweiten Maßstab bleibe die Beschaffung vergleichbarer und belastbarer ESG-Daten aber ein Problem. Der BVI setze sich schon seit längerem für eine verbesserte Nachhaltigkeitsberichterstattung der Unternehmen ein und fordere einen einheitlichen EU-Datenzugang (European Single Access Point, ESAP).

"Die Ergebnisse unserer Analyse machen deutlich, dass die Nachhaltigkeit von Fondsportfolios nicht nur anhand der EU-Taxonomie zu bewerten ist", sage BVI-Hauptgeschäftsführer, Thomas Richter. "Vertrieb und Anleger brauchen einen alltagstauglichen Standard für die Auswahl nachhaltiger Fonds. Deshalb arbeiten wir gemeinsam mit unseren Vertriebspartnern an einem Zielmarktkonzept für nachhaltige Finanzanlagen, das sich an den MiFID II-Kriterien für Nachhaltigkeitspräferenzen und weiteren EU-Vorgaben orientieren wird." Im Gegensatz zu den kürzlich von der BaFin vorgeschlagenen Leitlinien für nachhaltige Investmentvermögen könne man damit dem Grünwaschen vorbeugen, ohne den Standort Deutschland durch realitätsferne Vorgaben für nachhaltige Fonds unattraktiv zu machen, so Richter.

Für die BVI-Analyse sei das Anlageuniversum des FTSE World Index in einer Portfolio-Simulation mithilfe von Sustainalytics-Daten mehrfach gefiltert worden: Zunächst seien Mindestausschlusskriterien angewendet, die verbleibenden Titel dann nach dem sogenannten Best-in-Class Ansatz bewertet worden. Diese ESG-Strategie entspreche den Anforderungen der EU-Offenlegungsverordnung an ein ESG-Strategieprodukt ("Artikel-8-Produkt") und schließe die Anwendung der Standards für verantwortliches Investieren der Vereinten Nationen (UN Principles for Responsible Investment; PRI) ein. ESG-Strategien würden über die üblichen fundamentalen Kriterien hinaus weitere Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen, sowohl in der Anlageallokation als auch in der Titelselektion. Alle diese Schritte entsprächen den Kriterien des Zielmarktkonzepts, das der BVI derzeit gemeinsam mit den Vertriebspartnern der Fondswirtschaft entwickle. Als weitere Filter seien die Anlagestrategie nach Value-Kriterien und schließlich die Sektorallokation und abschließende Titelauswahl gefolgt. Von den ursprünglich 2.568 Titeln im Index seien damit letztlich 450 Titel im Portfolio geblieben. Diese Auswahl habe im Vergleich zum Gesamtindex deutlich niedrigere Nachhaltigkeitsrisiken gezeigt (ESG-Risk Score). (01.06.2021/fc/n/s)