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Nachgehakt: Wie ernst nehmen Fondsanbieter das Thema "ESG"? - Fondsnews


05.10.21 14:01
FONDS professionell

Wien (www.fondscheck.de) - Wie gut sind die Investmenthäuser aufgestellt, wenn es um die ökologisch-ethische Geldanlage geht? 159 Anbieter haben "FONDS professionell" zahlreiche Fragen zu ihren Nachhaltigkeitsressourcen beantwortet, so die Experten von "FONDS professionell".

Lange Zeit hätten die Anbieter nachhaltiger Investmentfonds die Sympathien auf ihrer Seite gewusst. Sie hätten mit breiter Brust behaupten dürfen, sie seien es, die das Geld für den Kampf gegen die Erderwärmung aufbringen würden, die Unternehmen dazu bewegen würden, die Finger von der Kinderarbeit zu lassen oder die Waffenproduktion einzustellen. Doch seit Kurzem wehe manchen Marktteilnehmern ein scharfer Wind entgegen: Würden sie wirklich so nachhaltig agieren, wie sie behaupten würden? Oder würden die drei Buchstaben ESG in Wahrheit nicht einfach nur dabei helfen, eifrig Fonds zu verkaufen und überhöhte Managementgebühren zu kassieren?

Die Wahrheit liege, wie so oft, dazwischen: Es sei einerseits illusorisch, mit Fonds die Welt retten zu wollen. Und es sei andererseits übertrieben, der gesamten Branche Greenwashing vorzuwerfen. Jedenfalls betreibe die Fondsindustrie einen gehörigen Aufwand, um ihrem Anspruch, das Geld der Kunden nachhaltig zu investieren, gerecht zu werden. Das zeige die große Umfrage von "FONDS professionell", mit der die Redaktion in diesem Jahr zum zweiten Mal eine Bestandsaufnahme gewagt habe, wie es um die ESG-Ressourcen der in Deutschland und Österreich aktiven Investmenthäuser bestellt sei.

Im vergangenen Jahr hätten sich 139 Anbieter an der Umfrage der Experten beteiligt. Diesmal hätten sogar 159 Gesellschaften - von der kleinen Investmentboutique bis hin zum global tätigen Asset Manager - die Fragen der Redaktion zu Investmentrichtlinien, zur Produktpalette, zu Selbstverpflichtungen und Analysekapazitäten beantwortet. Sie würden in Summe fast 6,2 Billionen Euro in gut 12.000 Publikumsfonds mit Zulassung in Europa verwalten. Rund 3.800 dieser Fonds seien gemäß Artikel 8 oder 9 Offenlegungsverordnung als nachhaltig eingestuft worden.

Verfüge der "Head of ESG" über ein eigenes Team und Budget? Welche Selbstverpflichtungen habe der Asset Manager unterschrieben? Und wann sei der erste Nachhaltigkeitsfonds aufgelegt worden?

Fast alle Asset Manager, die sich an der Umfrage beteiligt hätten, würden mittlerweile eine schriftlich fixierte Investmentpolitik für mehr Nachhaltigkeit verfolgen. Auch generell gültige Ausschlusskriterien, etwa mit Blick auf Hersteller geächteter Waffen, seien Standard. Die meisten würden ESG-Aspekte zudem systematisch berücksichtigen, wenn sie auf Hauptversammlungen abstimmen würden. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Quote der Anbieter, die auf die rechts gezeigten Fragen mit "Ja" geantwortet hätten, um jeweils einen bis zwei Prozentpunkte gestiegen.

Auch ein Blick auf das Organigramm der Anbieter zeige, dass Nachhaltigkeit in der Fondsbranche zum Thema für die oberste Führungsebene geworden sei. Neun von zehn Asset Managern, die sich an der Umfrage beteiligt hätten, würden einen "Head of ESG" beschäftigen. Bei drei Vierteln der Unternehmen unterstehe er direkt dem Firmenchef. Üblich sei auch, dass diese Führungskraft ein eigenes Team habe und über ein separates Budget verfüge, also nicht von der Gunst anderer Bereichsleiter oder Vorstände abhängig sei.

Laut einer Ende Juli veröffentlichten Morningstar-Studie hätten die Asset Manager 30,3 Prozent ihrer europäischen Sondervermögen gemäß Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung eingestuft, der für Nachhaltigkeitsstrategiefonds reserviert sei. Weitere 3,7 Prozent würden unter Artikel 9 fallen, dürften also als Impact-Produkte gelten. Die Quoten, die die Redaktion von "FONDS professionell" erhoben habe, würden ganz ähnlich ausfallen. Die Zahl der Fonds, für die ein qualitatives Nachhaltigkeitsrating vorliege, erreiche fast sieben Prozent. Die Anbieter würden hoffen, mit solchen ESG-Einschätzungen von unabhängiger Seite im Vertrieb punkten zu können. Allerdings gebe es für derartige Siegel - zumindest bislang - keine regulatorischen Vorgaben, darum sei verständlich, dass manche Branchenkenner hier von einem "Wildwuchs" reden würden.

Artikel 9 der Offenlegungsverordnung stelle eine echte Hürde dar: Mehr als jeder zweite Umfrageteilnehmer habe keinen einzigen seiner Fonds entsprechend eingestuft. Offensichtlich hätten die Asset Manager durchaus Respekt vor den umfangreichen Berichtspflichten, die Artikel-9-Produkte schon bald erfüllen müssten. Bei Artikel 8, für die deutlich reduzierte Offenlegungspflichten vorgesehen seien, sei die Zurückhaltung viel geringer: Gut jeder zehnte Asset Manager biete 50 oder mehr solcher Fonds an. Nur rund zwölf Prozent der Teilnehmer würden bislang komplett auf Artikel-8-Produkte in ihrem Sortiment verzichten. Bezogen auf den Gesamtmarkt werde diese Quote jedoch höher liegen. Schließlich hätten Asset Manager, die noch keine Nachhaltigkeitsfonds managen würden, eher wenig Interesse daran, an einer ESG-Umfrage teilzunehmen.

Ein unerwartetes Ergebnis zeige sich, wenn man das durchschnittliche Volumen der von den Teilnehmern erwähnten Artikel-8- und Artikel-9-Fonds berechne. Demnach bringe ein Artikel-8-Fonds im Mittel fast 100 Millionen Euro mehr auf die Waage als der Durchschnitt aller Publikumsfonds. Eine mögliche Erklärung dafür laute, dass die Asset Manager versucht hätten, insbesondere ihre Flaggschiffprodukte in Nachhaltigkeitsfonds umzuwidmen, um damit im Vertrieb punkten zu können. Dass die Artikel-9-Fonds kleiner seien, sei klar, schließlich würden sich in dieser Kategorie viele neu aufgelegte Produkte finden - der Trend zum Impact-Investing sei noch recht jung. Das dennoch stattliche Durchschnittsvermögen von über 400 Millionen Euro erkläre sich damit, dass einige Multi-Milliarden-Portfolios den Schnitt nach oben ziehen würden.

Der erste Nachhaltigkeitsfonds, der in der Umfrage erwähnt werde, sei schon 1982 auf den Markt gekommen, also vor beinahe 40 Jahren. Immerhin sechs Anbieter hätten ihre Öko- oder Ethik-Premiere in den 1980er-Jahren auf die Bühne geschoben, 23 seien in den 1990er-Jahren gefolgt. Die allermeisten Häuser hätten das Thema jedoch viel später für sich entdeckt. Allein 2019 hätten 14 Anbieter ihren ESG-Erstling lanciert, im Jahr darauf seien acht und im ersten Halbjahr 2021 weitere sechs Premieren gefolgt.

Um sich vom Markt abzuheben, helfe eine unabhängige Zertifizierung. Gut 62 Prozent der Asset Manager hätten mindestens einen ihrer Fonds einem qualitativen Rating unterzogen, fast 15 Prozent würden sogar zehn oder mehr ihrer Portfolios mit einem entsprechenden Siegel ausstatten. Insgesamt seien der Redaktion 860 Fonds mit qualitativem ESG-Rating genannt worden. Manche Siegel, etwa das des FNG oder das Österreichische Umweltzeichen, seien nur mit erheblichem Aufwand zu bekommen. Dafür dürfe ein solches Rating, anders als die bloße Einstufung nach Artikel 8, tatsächlich als Gütesiegel gelten. Das werde auch auf das offizielle EU-Ecolabel zutreffen, an dessen Kriterien die Europäische Kommission allerdings noch arbeite.

Die Redaktion habe von den Asset Managern auch wissen wollen, welche Selbstverpflichtungen sie unterschrieben hätten. Mit Abstand den meisten Zuspruch würden die "Prinzipien für verantwortliches Investieren" der Vereinten Nationen (UN-PRI) erhalten. 135 der 159 teilnehmenden Asset Manager hätten sich dieser Initiative angeschlossen.

Den Tabellen in Ausgabe 3/2021 von "FONDS professionell" sei zu entnehmen, wann die Asset Manager den acht ESG-Initiativen mit der größten Verbreitung beigetreten seien. Viel Zuspruch würden sich neben den seit Jahren etablierten Selbstverpflichtungen auch recht junge Vorhaben erfreuen, etwa die Ende 2020 gegründete "Net Zero Asset Managers Initiative", der sich bislang schon 39 Umfrageteilnehmer angeschlossen hätten.

Die ESG-Initiative mit der größten Verbreitung nach den UN-PRI sei CDP, früher als "Carbon Disclosure Project" bekannt. CDP sei eine Non-Profit-Organisation, die Unternehmen dabei helfe, die Umweltauswirkungen ihrer Geschäfte zu quantifizieren. Solche Daten seien enorm wichtig, sei es für die Nachhaltigkeitsberichterstattung oder das Risikomanagement. Jeder zweite Asset Manager, der an der "FONDS professionell" Umfrage teilgenommen habe, unterstütze die Arbeit dieser Organisation. Einige seien schon von Beginn an dabei gewesen, viele seien aber erst kürzlich beigetreten.

Während die Unterschrift unter eine Selbstverpflichtung schnell geleistet und in aller Regel nicht unmittelbar mit hohen Kosten verbunden sei, gelte das für den Aufbau eines hausinternen Nachhaltigkeitsresearch nicht. Analysten seien teuer - und echte ESG-Experten rar. "FONDS professionell" habe deshalb von den Asset Managern wissen wollen, wie viele dieser Spezialisten für sie arbeiten würden. Das Ergebnis lasse aufhorchen: Im Schnitt würden sich immerhin gut acht Prozent der Mitarbeiter mit der Nachhaltigkeitsanalyse beschäftigen. Das zeige, dass diesem Thema nicht nur im Marketing, sondern auch in den Researchabteilungen hohe Priorität eingeräumt werde. Nur sieben Prozent der Umfrageteilnehmer hätten zu Protokoll gegeben, keinen einzigen Analysten für Nachhaltigkeitsresearch abzustellen. Und bei fast jedem dritten Asset Manager, der die nötigen Angaben gemacht habe, würden die entsprechenden Teams zehn und mehr ESG-Analysten umfassen.

Doch so groß ein Researchteam auch sei: Kein Fondsanbieter dürfte in der Lage sein, mit Bordmitteln bei Hunderten Unternehmen weltweit die benötigen ESG-Daten einzuholen. Deshalb würden sich die Asset Manager eifrig externes Research von Agenturen wie ISS ESG, MSCI ESG, Reprisk, Sustainalytics oder Vigeo Eiris zukaufen. Mitunter gehe es nur um Rohdaten wie den CO2-Fußabdruck oder den Gender-Pay-Gap, oft aber auch um "pfannenfertige" ESG-Noten. Nur fünf Prozent der befragten Investmenthäuser würden ohne Input dieser Art auskommen. Die meisten würden sogar auf mehrere Agenturen setzen, schließlich habe sich gezeigt, dass die ESG-Ratinghäuser mitunter zu völlig unterschiedlichen Einschätzungen darüber kommen würden, wie nachhaltig ein Unternehmen denn nun wirtschafte.

Weil bislang ein Standard fehle, mit dem sich die Nachhaltigkeit eines Portfoliounternehmens ermitteln ließe, würden sich fast 70 Prozent der Asset Manager dazu gezwungen sehen, eigene ESG-Ratings oder Firmenprofile zu erstellen. Diese und die externen Daten zu CO2-Fußabdruck und Co. würden oft nicht nur ins Portfoliomanagement einfließen, sondern auch in das Fonds-Reporting. Schließlich sollten die Anleger mitbekommen, was die ganzen Anstrengungen denn nun konkret für ihr Depot bedeuten würden. (News vom 04.10.2021) (05.10.2021/fc/n/s)