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Die acht größten Mythen und Wahrheiten über ETFs - ETF-News


01.09.21 14:48
FONDS professionell

Wien (www.fondscheck.de) - Viel zu groß, viel zu gefährlich: Je stärker der ETF-Markt wächst, desto heftiger wird die Kritik an den passiven Papieren, so die Experten von "FONDS professionell".

Scalable Capital habe untersucht, bei welchen ETF-Mythen es sich um Halbwahrheiten handele - und welche vollständig ins Reich der Märchen gehören würden.

Im Vorjahr habe das weltweit verwaltete ETF-Vermögen bei rund 7.737 Milliarden US-Dollar gelegen - ein Anstieg von knapp 25 Prozent gegenüber 2019. Auch in Deutschland stecke immer mehr Geld in börsengehandelten Indexfonds, wie aus BVI-Daten hervorgehe. Seit 2010 sei das verwaltete Vermögen der ETFs in der Bundesrepublik von 68,2 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf eine Summe von rund 169 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gestiegen - ein Plus von mehr als 147 Prozent.

Während ihre Beliebtheit also stetig zunehme, würden diese Produkte immer wieder als Risiko für Märkte und Anleger kritisiert. Der Robo-Marktführer Scalable Capital nehme deshalb Gerüchte und Halbwahrheiten zu ETFs unter die Lupe.

Was stecke hinter den Behauptungen über börsengehandelte Indexfonds?

1. ETFs würden Kursstürze verstärken

Mythos: Kritiker würden warnen, bei Abschwüngen könnten massenhafte Verkäufe von ETF-Anteilen die Kurse der enthaltenen Wertpapiere noch tiefer in den Keller schicken. Wenn viele Anleger aus Furcht vor Verlusten gleichzeitig dieselben Wertpapiere verkaufen würden, verstärke dies den Kursrutsch. Diese Gefahr nehme zu, je mehr Geld in ETFs angelegt sei.

Wahrheit: Um die Befürchtung einzuordnen, helfe ein Blick auf Handelsmechanismen. Anleger würden ETF-Anteile nicht direkt mit der Fondsgesellschaft handeln, sondern über sogenannte Market Maker. Die würden jederzeit Kauf- und Verkaufskurse stellen und Angebot und Nachfrage ausgleichen: Anteile, die ein Anleger verkaufe, würden sie an den nächsten weiter verkaufen. Würden Anleger im großen Stil verkaufen, würden Market Maker zunächst als Puffer wirken. Doch bei anhaltendem Verkaufsdruck müssten sie irgendwann Anteile an den ETF-Anbieter zurückgeben und gegen Wertpapiere tauschen. Würden zur gleichen Zeit massenhaft Anleger aus Aktien fliehen, gebe es zu wenige Kaufinteressenten und die Kurse würden weiter sinken.

Dass Anleger bei fallenden Kursen Aktien abstoßen und dadurch Kurse weiter abstürzen würden, sei allerdings kein spezifisches ETF-Problem, sondern liege am Anlegerverhalten. Auch Manager aktiver Fonds müssten Aktien verkaufen, wenn Kunden zu viele Fondsanteile zurückgeben würden. Gemindert werde der Verkaufsdruck hier allenfalls dadurch, dass aktive Fonds in der Regel mehr Cash halten würden als ETFs und ihre Anteile meist nur einmal am Tag gehandelt würden. Aktive Fondsmanager könnten oft ohnehin die Aktienquote verringern, wenn die Kurse fallen würden. Die deutsche Finanzaufsichtsbehörde BaFin sehe jedenfalls keine eindeutigen Anzeichen für eine erhöhte Kursreaktion durch die Indexfonds. Auch der IWF habe keine Hinweise darauf, dass ETFs Kurse stärker beeinflussen könnten als aktiv gemanagte Fonds.

2. Wenn die Kurse plötzlich einbrechen würden, würden Anleger mit ETFs besonders viel Geld verlieren

Mythos: In bestimmten Situationen könne der Kurs eines ETFs stärker abstürzen als die Kurse der darin enthaltenen Werte. Als Beispiel diene oft der "Flash Crash" vom 24. August 2015. An den asiatischen Aktienmärkten seien die Kurse gefallen, bevor die New Yorker Börse an diesem Montag in den Handel gestartet sei. Nach Eröffnung um 9.30 Uhr sei der Kurs des S&P 500 in fünf Minuten um fünf Prozent abgesackt. Die Kurse mehrerer ETFs seien noch stärker gefallen. Da ein ETF seinem Referenzindex folge, sollte das eigentlich nicht passieren.

Wahrheit: Verantwortlich für die heftigen kurzzeitigen Kursstürze bei ETFs an diesem Tag seien nicht die ETFs, sondern Handelsregeln gewesen. Würden Kursveränderungen Grenzwerte überschreiten, werde der Handel einzelner Aktien für einige Minuten ausgesetzt. Dies habe am 24. August 2015 dazu geführt, dass um 9.45 Uhr New Yorker Zeit nur 65 Prozent der dort notierten Aktien zum Handel freigegeben gewesen seien. Immer wieder sei es zu Handelsunterbrechungen gekommen, insgesamt seien es 1.278 gewesen. Market Maker hätten zeitweise keine fairen Preise für ETFs ermitteln können, weil die Kurse für darin enthaltene Aktien gefehlt hätten. Sie hätten sich zurückgezogen und so den hohen Verkaufsdruck nicht abfedern können - die Preise seien weiter gefallen. Zwar habe sich die Lage eine Stunde nach Handelsstart normalisiert. Dennoch habe die US-Börsenaufsicht SEC in der Folge die Regeln für die Wiederaufnahme des Handels nach Unterbrechungen überarbeitet.

3. ETFs seien nicht krisenfest

Mythos: ETFs seien noch so neu auf dem Markt, dass sie ihre Krisenfestigkeit bisher nicht hätten unter Beweis stellen können.

Wahrheit: ETFs seien zwar erst seit den 2010er-Jahren so richtig bekannt geworden, sie seien aber älter. Es habe sie schon während der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 und erst recht während der Eurokrise ab 2010 gegeben. Gerade in der Finanzkrise hätten ETFs ihre Standhaftigkeit bewiesen. Kein einziger ETF sei in dieser Phase ausgefallen. Käufer anderer Investmentprodukte seien zum Teil weniger glimpflich davon gekommen. Einige Zertifikate, Hedgefonds und geschlossene Fonds seien abgewickelt worden und Anleger hätten Verluste hinnehmen müssen. Auch offene Immobilienfonds hätten sich als krisenanfällig erwiesen. Viele Anbieter hätten die Investoren nicht mehr ausbezahlen können, als diese scharenweise Anteile hätten zurückgeben wollen. Zahlreiche Fonds hätten vorübergehend geschlossen, einige hätten letztlich mit Verlusten für Anleger aufgelöst werden müssen.

4. ETF-Anbieter würden den wirtschaftlichen Wettbewerb hemmen

Mythos: Große ETF-Anbieter wie BlackRock, Vanguard und State Street würden die Aktien aus den jeweiligen Indexfonds im Portfolio halten und könnten Kritikern zufolge über ihre Stimmrechte Unternehmen beeinflussen und den Wettbewerb zwischen diesen einschränken. Damit hätten ETF-Anbieter erreichen wollen, dass sich alle Firmen aus ihrem Portfolio gut entwickeln würden. Das sei die Grundlage für eine möglichst hohe ETF-Rendite, wie die Fondsgesellschaften sie ihren Kunden hätten bieten wollen.

Wahrheit: An vielen Unternehmen würden die drei großen ETF-Anbieter tatsächlich die größten Aktienpakete halten. Als Treuhänder der Anleger könnten sie deren Stimmrechte wahrnehmen und versuchen, Einfluss zu nehmen. Laut der Universität Amsterdam seien sie 2015 gemeinsam die größten Anteilseigner in 438 von 500 Firmen aus dem S&P 500 gewesen. Allerdings sollte man ihre Macht nicht überschätzen, denn größter Einzelaktionär bedeute nicht Mehrheitseigner.

Auch das zeige die Studie der Uni Amsterdam: Die meisten Firmen-Beteiligungen lägen im einstelligen Prozentbereich. Zudem sei das Argument, eingeschränkter Wettbewerb sei im Interesse der ETF-Anbieter, an sich nicht stichhaltig. Würden Fondsgesellschaften etwa die Konkurrenz zwischen in einem ETF vertretenen Zulieferern bestimmter Getriebeteile für die Autoindustrie schwächen, würden diese Teile womöglich teurer. Den Schaden hätten Autohersteller im selben oder einem anderen ETF des Anbieters. In der Summe würde somit kein Vorteil für Anleger des Anbieters entstehen.

5. ETFs würden die Effizienz der Kapitalmärkte untergraben

Mythos: Wenn immer mehr ETF-Anleger einen kompletten Index kaufen würden, ohne die einzelnen Aktien näher zu betrachten, könne die Effizienz der Märkte aus Sicht von Kritikern leiden. Sie würden sich dabei auf die Hypothese des Wirtschaftsnobelpreisträgers Eugene Fama beziehen, in Aktienkursen seien alle relevanten Informationen enthalten. Diese Markteffizienz sei durch ETFs gefährdet. Denn ob etwa einzelne Aktien zu teuer seien, interessiere ETF-Anleger nicht. Die Bewertung von Aktien könne sich dadurch von fundamentalen Unternehmenswerten abkoppeln, so der Vorwurf. Passives Investieren sei daher "schlimmer als Marxismus", hätten Analysten von Alliance Bernstein 2016 in einer Studie geurteilt.

Wahrheit: Mit der Behauptung würden Kritiker ETFs mehr Einfluss zusprechen, als diese haben. Laut Daten von Statista habe das weltweit in ETFs investierte Vermögen im Vorjahr erst 14 Prozent an den in Fonds angelegten Assets ausgemacht - von einer Dominanz der ETFs lasse sich also nicht sprechen. Allerdings: Seit Jahren wachse das ETF-Volumen stärker als das anderer Fonds. BlackRock erwarte, dass das in ETF angelegte Vermögen bis 2023 auf zwölf Billionen US-Dollar steige.

Werde es irgendwann zu Ineffizienzen kommen? Nein. Denn der Markt passe sich an. Würde massives ETF-Wachstum zu Fehlbewertungen bestimmter Aktien führen, entstünden neue Anreize für Marktteilnehmer, zum Beispiel für aktive Fondsmanager, diese Ineffizienzen ausnutzen. Sie könnten etwa darauf setzen, dass die Kurse überbewerteter Aktien fallen oder gezielt auf vergleichsweise günstige Wertpapiere anderer Unternehmen setzen würden. So würden die Ineffizienzen wieder verschwinden.

6. ETFs würden sich nur für Aktien eignen, nicht für Anleihen

Mythos: ETFs seien ein Finanzprodukt für Privatanleger, um kostengünstig und unkompliziert in den Aktienmarkt zu investieren. Bei Anleihen investiere man besser in einzelne Wertpapiere.

Wahrheit: Die Behauptung sei falsch. ETFs seien auch für den Kauf von Anleihen ein geeignetes Vehikel, weil der Markt sehr unübersichtlich sei. Anleger könnten von einer Vielzahl von Emittenten Anleihen mit verschiedenen Laufzeiten und vor allem verschiedenen Bonitäten kaufen. Gerade bei Unternehmensanleihen gebe es zudem mitunter hohe Mindestanlagebeträge von bis zu 100.000 Euro. Mit dem Kauf eines Anleihe-ETFs müsse sich der Anleger damit nicht auseinandersetzen.

Zudem investiere er in einen ganzen Korb, etwa Anleihen US-amerikanischer Firmen oder Staatsanleihen der Eurozone mit bestimmten Laufzeitfenstern. Schon der Kauf nur eines ETFs bringe somit eine gewisse Diversifikation. Dass Investoren Anleihe-ETFs rege nutzen würden, würden aktuelle Daten zeigen: Von den weltweit 588,6 Milliarden Euro, die Anleger rund um den Globus im ersten Halbjahr 2021 in ETFs gesteckt hätten, seien rund 134 Milliarden Euro auf Anleihefonds entfallen - es handele sich also keinesfalls um ein Nischenprodukt.

7. ETFs seien nur etwas für Laien, nicht für professionelle Anleger

Mythos: ETFs seien in den Augen von Kritikern nur etwas für Börsen-Laien, die auf einer Welle hätten mitschwimmen wollen. Käufer von Indexfonds würden nicht prüfen, ob einzelne Unternehmen innovative Produkte auf den Markt bringen oder Gewinne erwirtschaften würden. Manager aktiv verwalteter Fonds hingegen würden gezielt in vielversprechende Firmen investieren und so höhere Renditen erzielen.

Wahrheit: Studien würden immer wieder zeigen, dass Manager aktiver Fonds meist daran scheitern würden, den Markt auf Dauer zu schlagen. Somit würden Anleger mit ETFs in der Regel bessere Renditen als mit aktiven Fonds erzielen. Auch Profis würden zunehmend auf passive Indexfonds setzen, wie eine Umfrage der Analysefirma Greenwich Associates zeige. 90 von 127 befragten institutionellen Investoren in Europa, darunter Vermögensverwalter und Versicherungen, würden ETFs nutzen. Sie hätten im Durchschnitt 15 Prozent ihres Anlagevolumens in ETFs investiert, 50 Prozent mehr als ein Jahr vorher. Die Profi-Investoren würden an ETFs unter anderem die leichte Handelbarkeit und die Diversifikation mit nur einem Kauf schätzen.

8. ETFs seien wegen Swap-Geschäften ein Risiko für Anleger

Mythos: Eine Anlage in bestimmte ETFs sei unsicher, weil die Wertentwicklung von einem Dritten garantiert werde, der pleitegehen könne. Der Vorwurf richte sich gegen synthetische oder Swap-basierte ETFs. Anders als bei physisch replizierenden ETFs enthalte ihr Portfolio nicht die Wertpapiere aus dem Referenz-Index. Stattdessen investiere der Anbieter in ein sogenanntes Trägerportfolio, das in der Regel aus Aktien von Firmen mit hoher Marktkapitalisierung bestehe. Die Wertentwicklung des Index lasse er sich von einem Tauschpartner zusichern, etwa einer Investmentbank. Im Gegenzug erhalte der Swap-Partner die Rendite des Trägerportfolios. Durch das Tauschgeschäft entstehe für ETF-Anbieter und Anleger ein Kontrahentenrisiko: Werde der Tauschpartner zahlungsunfähig, könne der ETF die Wertentwicklung des Index womöglich nicht mehr abbilden und dem Anleger gehe Geld verloren.

Wahrheit: Gerade die Wertentwicklung von Indices aus Hunderten von Einzelwerten lasse sich synthetisch leichter und oft günstiger nachbilden. Das Kontrahentenrisiko sei durch die UCITS-Richtlinie der EU begrenzt. Es dürfe zehn Prozent des Nettovermögens eines Fonds nicht überschreiten. Würden sich der Wert von Trägerportfolio und Index unterschiedlich entwickeln, würden ETF-Anbieter und Kontrahent die Differenz ausgleichen. Meist würden sie das schon bei deutlich geringeren Unterschieden als den höchstens zulässigen zehn Prozent tun. Die Obergrenzen würden also selten erreicht. Zudem werde das verbleibende Risiko oft zusätzlich abgesichert, indem der Swap-Kontrahent etwa Wertpapiere in Höhe des Swap-Wertes oder darüber hinaus als Sicherheit hinterlege. Unterm Strich sei das Kontrahentenrisiko somit überschaubar. (News vom 31.08.2021) (01.09.2021/fc/n/e)