Erweiterte Funktionen

Nachhaltigkeitsfonds: Sechs Vorurteile im Check - Fondsnews


07.09.21 13:42
FONDS professionell

Wien (www.fondscheck.de) - Lange Zeit ging es für das Segment der nachhaltigen Geldanlagen nur nach oben: Enorme Mittelzuflüsse, Hunderte Fondsauflagen, ein wohlwollendes Echo in der Presse, so die Experten von "FONDS professionell".

Zwar sei der Boom immer schon begleitet gewesen von kritischen Stimmen: Seien die Portfolios tatsächlich so grün, wie die Asset Manager gerne behaupten würden? Lasse sich mit Öko- oder Ethikfonds de facto die Welt retten? Und sei es wirklich glaubwürdig, wenn ein Investmenthaus behaupte, Nachhaltigkeit sei schon immer "Teil unserer DNA" gewesen? Aber solche Einwände vermochten es nicht, das Segment zu bremsen, so die Experten von "FONDS professionell". Quartal für Quartal habe die Branche neue Rekorde vermelden können.

Doch nun sei ein Punkt erreicht, an dem die Stimmung zu kippen drohe. Die DWS müsse sich mit Vorwürfen ihrer früheren ESG-Chefin auseinander setzen, das Unternehmen habe sich deutlich nachhaltiger präsentiert, als es tatsächlich gewesen sei. Der Anbieter wehrt sich vehement gegen die Anschuldigungen, konnte es aber nicht verhindern, dass weitere kritische Berichte erschienen, in denen dem Fondsanbieter Greenwashing vorgeworfen wird, so die Experten von "FONDS professionell". Fast zur gleichen Zeit sei eine Untersuchung von Greenpeace auf ein großes Medienecho gestoßen, in der die Umweltschutzorganisation mehreren Schweizer Banken Irreführung bei der Beratung zu nachhaltigen Anlageprodukten unterstelle. Und schließlich habe der Londoner Thinktank Influencemap mit einer Studie nachgelegt, die sich äußert kritisch mit "Klimafonds" auseinander setze.

Plötzlich, so scheine es, würden Thesen wieder populärer, die den Sinn der nachhaltigen Geldanlage insgesamt anzweifeln würden. Die Redaktion von "FONDS professionell ONLINE" habe versucht, sachlich auf den Punkt zu bringen, was hinter einigen gängigen Vorurteilen gegen ESG-Fonds stecke:

Nachhaltige Fonds seien teurer als herkömmliche!

Stimme nicht. Zahlen des europäischen Branchenverbands EFAMA zufolge hätten die laufenden Gebühren von UCITS-Aktienfonds, die als nachhaltig vermarktet würden, im Jahr 2020 volumengewichtet im Schnitt bei 1,0 Prozent gelegen. Damit seien sie im Mittel sogar 0,2 Prozentpunkte günstiger gewesen als herkömmliche Sondervermögen. Bei Rentenfonds sei der Abstand noch größer: Die ESG-Portfolios hätten im vergangenen Jahr durchschnittlich 0,5 Prozent verlangt, die klassischen 0,8 Prozent. Der Grund dafür: Im Trend der letzten Jahre seien die Verwaltungsgebühren branchenweit gesunken. Und weil ESG-Fonds im Schnitt deutlich jünger seien, falle ihre Kostenbelastung niedriger aus. Der Gebührenvorteil habe also nichts damit zu tun, dass die Fonds nachhaltig gemanagt würden, sondern liege schlicht an ihrem Auflagedatum.

Die Asset Manager würden ESG-Fonds nur deshalb auflegen, weil sie Geschäft machen möchten!

Stimme zum Teil. Einerseits sei klar: Wer keine Nachhaltigkeitsfonds im Sortiment habe, halse sich ein enormes wirtschaftliches Risiko auf, schließlich gehe dann die steigende Nachfrage nach ESG-Produkten an ihm vorbei. Andererseits müsse man zumindest einigen Asset Managern zugestehen, dass sie ehrlich versuchen würden, ihren Teil zu einer "grüneren" Wirtschaft beizutragen. Den Hebel dazu hätten sie: Dank der vielen Milliarden, die sie verwalten würden, fänden sie in der Führungsebene der Konzerne, in deren Aktien oder Anleihen sie investieren würden, Gehör und könnten dort ihre Bedenken vortragen. Viele Investmenthäuser hätten zudem teils ambitionierte ESG-Selbstverpflichtungen unterschrieben. Daran würden sie sich messen lassen müssen.

Nachhaltigkeitsfonds könnten für den Umweltschutz nichts bewirken!

Stimme zum Teil. Zum einen sei es so: Wenn ein einzelner Fondsmanager die Aktien eines Ölkonzerns verkaufe und das Geld in einen Windkrafthersteller stecke, helfe das dem Klima überhaupt nicht. Weil lediglich ein Eigentümerwechsel stattgefunden habe, habe keines der beiden Unternehmen mehr oder weniger Geld als vorher. Rechnungen à la "Wer 10.000 Euro in diesen Fonds investiert, spart 500 Kilogramm Kohlendioxid ein", wie man sie in der Branche mitunter sehe, seien daher Quatsch. Aber: Würden Hunderte Portfoliomanager ihr Geld umschichten, spiegele sich das deutlich in den Börsenkursen wider. Die Kapitalkosten des Ölkonzerns würden steigen, er bekomme Probleme, sein Geschäft zu finanzieren. Das könne ein echtes Umdenken anstoßen - und den Konzern beispielsweise dazu bewegen, in erneuerbare Energien einzusteigen. Außerdem könnten die Asset Manager ihre Stimmrechte auf Hauptversammlungen ("Proxy Voting") und im kritischen Dialog mit den Unternehmen ("Engagement") nutzen, um die Konzerne zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen.

Öl-Aktien im ESG-Fonds? Das könne nicht öko sein!

Stimme nicht. Klar sehe es seltsam aus, wenn ein Nachhaltigkeitsfonds auf Klimasünder setze. Aber: Gelinge es dem Asset Manager, die Führungscrew eines Ölmultis davon zu überzeugen, das Geschäftsmodell nachhaltiger auszurichten, sei der positive Effekt für die Umwelt deutlich größer, als wenn er von vornherein nur in grüne Vorzeigeunternehmen investiert hätte. Wichtig sei, dies dem Anleger transparent zu kommunizieren. Für Sparer, die nicht in die Kohle- oder Erdölbranche investieren möchten, sei ein solcher Fonds natürlich nicht geeignet.

Nachhaltig investieren mit ETFs? Könne erst recht nicht funktionieren!

Stimme zum Teil. Die ETF-Branche sehe sich dem Vorwurf ausgesetzt, nicht nur passiv zu investieren, sondern sich auch mit Blick auf die Stimmrechte passiv zu verhalten. Das treffe auf einige Anbieter zu, aber nicht auf alle. Insbesondere einige der großen Asset Manager, die sowohl aktiv gemanagte als auch passive Fonds im Sortiment hätten, würden betonen, die Stimmrechte aus ihren ETFs sehr wohl zu nutzen, um ESG-Themen voranzutreiben. Ein wichtiger Hebel fehle ihnen aber: Wenn das Geld in einem ETF stecke, könne der Anbieter nicht damit drohen, sein Geld abzuziehen, wenn es keine Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit gebe. Das gehe nur mit aktiv gemanagten Portfolios. (News vom 06.09.2021) (07.09.2021/fc/n/s)