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Vorsicht vor ESG-Fallstricken


18.02.20 13:00
Degroof Petercam

Brüssel (www.fondscheck.de) - Die Kriterien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung sind mittlerweile im Management von Portfolios der meisten Anlageklassen nicht mehr wegzudenken, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management (DPAM).

In Europa werde bereits fast jeder zweite Euro in nachhaltigen Investments angelegt. Ein Treiber des Zuspruchs sei die relative Outperformance (nach Erhebungen von Sustainalytics, S&P 500 sowie BoAML) im Vergleich zu traditionellen Ansätzen, die ESG-Kriterien nicht berücksichtigen würden.

"Eine Schlüsselrolle spielt die Vermeidung von Verlusten, die aus kontroversem Verhalten von Unternehmen führen. Nach Analysen von Bank of America Merill Lynch wurde seit 2014 durch ESG-Kontroversen allein von Unternehmen aus dem S&P 500 ein Wert von 550 Milliarden Dollar vernichtet. Dies zeigt deutlich, dass Verlustrisiken in Portfolios begrenzt werden können, wenn kontroverse Unternehmen bzw. Sektoren von vornherein identifiziert und gemieden werden", sage Tom Demaecker, Portfoliomanager ESG-Aktienstrategien bei DPAM. "Die Frage des Mehrwertes von ESG-Ansätzen in Bezug auf die Wertentwicklung muss jedoch auch mit einem "Aber" beantwortet werden."

Die meisten Anlagemittel würden mittlerweile in ESG-Produkte fließen - eine Entwicklung, die vor allem bei Aktien mit den besten ESG-Ratings starke Bewertungsanstiege zur Folge habe. Dabei müsse hinterfragt werden, ob das Nachhaltigkeitsverständnis im Markt nicht teilweise noch sehr eingeschränkt sei und hohe Bewertungen einiger weniger Titel tatsächlich fundamental gerechtfertigt oder nur ein Resultat der hohen Mittelzuflüsse seien.

Neben der generell hohen Nachfrage nach ESG-Produkten ähnele sich häufig auch die Herangehensweise der Asset-Manager. Wenn alle den gleichen ESG-Ansatz fahren und im Wesentlichen die gleichen Indikatoren nutzen würden, um ESG-Risiken und -Chancen einzuschätzen, steige automatisch das Interesse an denjenigen Aktien, die die beste ESG-Bewertung erhalten würden. Dies führe zu einem Nachfragetrend, der sich immer weiter verstärke. Als Konsequenz würden Aktien, die durch das allgemeine ESG-Raster fallen würden, automatisch schlecht abschneiden. Das müsse jedoch nicht bedeuten, solche Unternehmen komplett vom eigenen Investitions-Radar zu streichen.

"ESG-Ratings fokussieren immer noch zu stark auf die Offenlegung und das Berichtswesen über ESG in den Unternehmen", kritisiere Tom Demaecker. In der Tat würden solche Gesellschaften in den Ratings am besten abschneiden, die besonders viele ESG-Daten offenlegen würden. Dies führe dazu, so der Experte, dass große Unternehmen, die üblicherweise mehr Informationen liefern würden als kleinere Firmen, die besseren Ratings erhalten würden. Doch seien kleinere und aufstrebende Unternehmen häufig überaus interessante Investments mit guten ESG-Werten.

Da kleinere Titel aber meist nicht in den großen Datenbanken abgebildet würden, sondern nur hochkapitalisierte Large Caps, würden sich aktiven Fondsmanagern, die nicht nur nach Ratings, sondern auch nach eigenen ESG- und fundamentalen Kriterien beurteilen würden, lukrative Alternativen erschließen. Überhaupt zeige sich, dass ein hohes Maß an ESG-Offenlegung nicht zwangsläufig zu einer besseren Wertentwicklung führe. Die proprietäre ESG-Analyse eines Anbieters von nachhaltigen Anlagen könne deshalb dazu beitragen, "Greenwashing" zu vermeiden. "Es ist wichtig zu unterscheiden, ob ein Unternehmen einfach nur ESG-Maßnahmen offenlegt oder tatsächlich stark engagiert ist im Hinblick auf die zugrundeliegenden Risiken und Chancen", betone der DPAM-Nachhaltigkeitsmanager.

Ein Blick auf die ESG-Scores von großen Datenanbietern, wie Sustainalytics, MSCI und Thomson Reuters, zeige, dass die Umwelt-Komponente den größten relativen Performancebeitrag liefere, während die Aspekte Soziales und Unternehmensführung in der Fläche noch untergeordnete Rollen spielen würden. Umso wichtiger sei es, für jedes analysierte Unternehmen bzw. jeden analysierten Sektor genau zu prüfen, welche der drei ESG-Säulen im Einzelfall tatsächlich besonders relevant seien. Zum Beispiel sollten Softwareunternehmen wie SAP eher auf Mitarbeiteraspekte hin untersucht werden, da sie in Bezug auf Entwicklung und Service stärker vom Faktor "Mensch" abhängig seien als beispielsweise Versorger wie RWE, bei denen Umweltkennziffern und dementsprechende Regulierungsaspekte deutlich entscheidungskritischer seien.

"Der Teufel steckt im Detail. Die tatsächliche ESG-Güte eines Unternehmens lässt sich nur schwer in einem aggregierten Wert erfassen. Produktanbieter sollten die Heterogenität der verfügbaren Daten berücksichtigen und möglichst auf verschiedene Datenlieferanten setzen. Noch besser ist ein eigenes ESG-Research, um die Schwächen externer Datenquellen zu kompensieren - nicht nur in Bezug auf Umwelt, sondern auch Soziales und Governance", betone Tom Demaecker.

Im Rahmen eines proprietären Researchs würden sich unter Nachhaltigkeitsaspekten weitere, wirklich relevante und gewinnbringende ESG-Daten ermitteln lassen. Hierzu ein Beispiel aus dem Bereich "Soziales": Eine von Google Scolar über 27 Jahre erhobene Studie belege, dass diejenigen US-Firmen, die von aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern in die "100 besten US-Arbeitgeber" gewählt worden seien, eine Outperformance zwischen 2 und 4 Prozent erzielt hätten. (18.02.2020/fc/n/s)