Erweiterte Funktionen

Fondsbranche legt immer noch mehr konventionelle als ESG-Produkte auf - Fondsnews


07.12.21 15:14
FONDS professionell

Wien (www.fondscheck.de) - Eine Analyse des Datenspezialisten Lipper räumt mit dem gängigen Vorurteil auf, wonach sich Investoren und Fondspromoter nur noch für eins interessieren: Nachhaltigkeit, so die Experten von "FONDS professionell".

Die Zahlen für die ersten neun Monate 2021 würden jedenfalls etwas anderes zeigen.

"Die Einführung der Verordnung über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor (englisch: Sustainable Finance Disclosure Regulation - SFDR) wird als ein Meilensteine für die Verwirklichung des EU-Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums angesehen", schreibe Detlef Glow, Head of Lipper EMEA Research, in einem Beitrag auf den Internetseiten des Datenspezialisten. Auch wenn die Leitlinien für die Umsetzung der technischen Standards dieser Verordnung noch nicht fertiggestellt seien, lohne es sich zu analysieren, wie Fondsinitiatoren und Investoren einerseits bei der Auflegung von Fonds, andererseits bei ihren Investmententscheidungen in Bezug auf die neuen SFDR-Klassifizierungen nach den Artikeln sechs, acht und neun vorgehen würden. Während der erste Aspekt anhand der Anzahl neu aufgelegter Fonds gemessen werden könne, die als konform mit Artikel sechs, acht oder neun eingestuft würden, lasse sich Letzteres an den geschätzten Nettomittelflüssen in jeder der Kategorien messen.

Glow habe dazu jene Fonds analysiert, die zwischen dem 1. Januar und dem 30. September 2021 in einem europäischen Land aufgelegt worden seien, und komme dabei zu einem für viele Beobachter erstaunlichen Ergebnis. Laut der Refinitiv-Lipper-Datenbank seien in den ersten neun Monaten 2021 in Europa insgesamt 10.026 Fonds neu aufgelegt worden. Bei 1.805 dieser Produkte handele es sich um sogenannte primäre Anteilsklassen, darunter subsummiere Lipper die sogenannten "Hauptanteilsklassen", in der aller Regel die älteste Retail-Shareklassse eines Fonds.

Bei 8.221 Fonds handele es sich um sogenannte Convenience-Anteilsklassen, das seien eigene Shareklassen, die für bestimmte Investorengruppen und Vertriebs- und Beratungsorganisationen aufgelegt würden. Auch wenn die Lipper-Analyse die Fondsströme für alle Anteilsklassen berücksichtige, liege das Hauptaugenmerk der Untersuchung auf den Fondsauflegungen der primären Anteilsklassen, da diese der Anzahl der neu aufgelegten Portfolios entsprechen würden.

Als Fazit lasse sich festhalten: Obwohl in der Branche die Wahrnehmung vorherrsche, es drehe sich alles nur noch um das Thema Nachhaltigkeit, würden die reinen Zahlen eine andere Sprache sprechen. Nicht nur Produktgeber würden bei ihren neuen Angeboten nach Artikel 6 aufgelegte Fonds favorisieren, auch die Nachfrager, sprich die Investoren, würden dieser SFDR-Gattung immer noch den Vorzug geben.

Grüne Fonds hätten weder bei Initiatoren noch bei Investoren die Nase vorn.

Zahl der Fondsneuauflagen in Europa (1.1. - 30.9.2021)

Da Aktienfonds die größte Anlageklasse in der europäischen Fondsbranche darstellen würden, überrasche es nicht, dass diese Assetform in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres mit 781 die höchste Zahl an Auflegungen bei den Hauptanteilsklassen verzeichnet hätten. Bei den Mischfonds seien 507 neue primäre Anteilsklassen aufgelegt worden, gefolgt von Rentenfonds (327), alternativen UCITS-Fonds (88), "sonstigen Produkten" (43), Geldmarktfonds (32), Rohstofffonds (14) und Immobilienfonds (13). Überraschend sei allerdings, dass die höchste Zahl von Fondsauflegungen für alle Vermögensarten (786) in der Kategorie "keine Festlegung" zu finden seien. In Anbetracht der Tatsache, dass die Branche noch immer nicht über die technischen Standards zur Umsetzung der SFDR-Verordnung verfüge, könne daraus das Ziel einer notwendigen Veränderung abgeleitet werden, so Glow.

Dennoch sei die Mehrheit der neu aufgelegten Fonds mit 1.019 Produkten einem der drei Artikel zuzuordnen. Die meisten Fonds (467) würden dabei unter Artikel sechs fallen, gefolgt von 421 Fonds unter Artikel acht und 131 Produkten, die unter Artikel neun fallen würden. "Im Gegensatz zur Wahrnehmung und entsprechenden Diskussionen unter Marktbeobachtern zeigen diese Zahlen, dass die Fondsbranche immer noch mehr konventionelle als ESG-bezogene Produkte auflegt", erkläre Detlef Glow. Daher lohne es sich, zu analysieren, welche Kategorien von den Investoren bevorzugt würden.

Fondsmittelflüsse nach SFDR-Klassifizierung (1.1. - 30.9.2021)

Europäische Anleger hätten in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres insgesamt 184,9 Milliarden Euro in Fonds und ETFs investiert, die nach dem 31. Dezember 2020 aufgelegt worden seien. Produkte, die als Artikel-6-konform eingestuft seien, hätten dabei mit 63,9 Milliarden Euro die höchsten Zuflüsse verzeichnet, gefolgt von Artikel-8-konformen Fonds mit Zuflüssen in Höhe von 58,2 Milliarden Euro. Produkte, die ihren Status nicht gemeldet hätten, hätten 53,3 Milliarden Euro eingesammelt, den Artikel-9-konformen Investmentfonds und ETFs seien 9,4 Milliarden Euro zugeflossen.

Auf Ebene der Assetklassen hätten Aktienprodukte mit 75,6 Milliarden Euro die höchsten Zuflüsse verzeichnet, gefolgt von Rentenprodukten (55,2 Milliarden Euro), gemischten Fonds (41,7 Milliarden Euro), alternativen UCITS-Produkten (8,1 Milliarden Euro), Geldmarktfonds (3,2 Milliarden Euro), "sonstigen Produkten" (0,5 Milliarden Euro), Rohstofffonds (0,4 Milliarden Euro) und Immobilienfonds (0,1 Milliarden Euro).

Angesichts der aktuellen Diskussionen um Nachhaltigkeit im Allgemeinen und nachhaltige Investments im Besonderen sei es überraschend, dass neu aufgelegte Fonds, die ihren SFDR-Status noch nicht gemeldet hätten, die höchsten Zuflüsse (25,5 Milliarden Euro) im Aktiensegment verzeichnen würden, gebe Detlef Glow zu bedenken und ergänze in diesem Zusammenhang zur Erklärung: "Fonds mit Sitz außerhalb der EU, also etwa in Großbritannien oder in der Schweiz, sind nicht verpflichtet, ihren SFDR-Status zu melden, solange sie nicht für den Vertrieb in der EU registriert sind."

Fondsmittelflüsse nach Vermögensart und SFDR-Klassifizierung

Artikel-6-konforme Fonds hätten die höchsten Zuflüsse im Anleihen- (22,3 Milliarden Euro) und Geldmarktsegment (1,4 Milliarden Euro) verzeichnet, während Artikel-8-konforme Fonds mit 17,2 Milliarden Euro die Tabelle der Mittelzuflüsse bei gemischten Fonds anführen würden. Im Hinblick auf die Marktbedeutung bestimmter Anlageklassen sei es laut Glow keine Überraschung gewesen, dass die höchsten Zuflüsse bei alternativen UCITS-Fonds (5,5 Milliarden Euro), "sonstigen Fonds" (0,3 Milliarden Euro), Rohstoffprodukten (0,2 Milliarden Euro) und Immobilienfonds (0,1 Milliarden Euro) bei Vehikeln zu verzeichnen gewesen seien, die ihren Status bisher noch nicht gemeldet hätten.

Aus Sicht von Detlef Glow würden diese Zahlen zeigen, dass Investoren bei neu aufgelegten Fonds solche mit niedrigeren ESG-Standards ("Artikel-6" oder "keine Festlegung") bevorzugen würden. "Das könnte auch im Interesse der Fondspromoter liegen, da Fonds mit niedrigeren ESG-Standards aus Sicht des Fondsmanagements weniger Aufwand erfordern, weil sie ESG-Daten und -Analysen nicht in die Vermögensverwaltungsprozesse der jeweiligen Fonds integrieren müssen und daher geringere Betriebskosten haben können", so der Analyst.
Quelle: Refinitiv Lipper (07.12.2021/fc/n/s)