Erweiterte Funktionen

Ölmarkt-Bullen sind zurück, Markt preist geopolitisches Risiko


04.08.17 09:52
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.fondscheck.de) - Die Ölmärkte befinden sich gegenwärtig in einem Bullenmarkt, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Die Nordseesorte Brent notiere gegenwärtig bei 52 US-Dollar/Barrel, wobei der Preis zwischenzeitlich nahe der 53 US-Dollar-Marke gehandelt habe. Die Analysten würden zwei Gründe sehen, die diese Entwicklung unterstützen würden: Zum einem spreche das aktuelle konjunkturelle Umfeld für ein Ölnachfragewachstum oberhalb der Konsensschätzungen. Zum anderen preise der Markt angesichts der kritischen Entwicklungen in Venezuela geopolitische Risiken ein. Das globale makroökonomische Umfeld habe sich in den vergangenen Wochen zum Zugpferd für die Ölmärkte und Rohstoffmärkte im Allgemeinen entwickelt. So würden die Rohstoffpreise gegenwärtig auf lokalen Höchstständen notieren.

In den vergangenen Wochen habe es immer wieder Unterstützung durch positive Konjunkturdaten gegeben, die auf einen Anstieg der weltweiten Industrieaktivitäten hindeuten würden. So sei u.a. die chinesische Industrieproduktion im Juni um 7,5% YoY gestiegen. Insgesamt deute dies auf eine höhere als gemeinhin erwartete Ölnachfrage in 2017 hin. Zudem schreite der Abbau der Lagerbestände voran. So habe das US-Energieministerium einen erneut starken Lagerabbau bei Rohöl in der vergangenen Woche vermeldet. Als zweite Triebfeder der Preise sehe man Venezuela. Nach der Wahl einer Verfassungsversammlung in Venezuela habe die USA Sanktionen gegen Staatspräsident Nicolas Maduro verhängt. Zwischenzeitlich seien auch Sanktionen gegen den venezolanischen Ölsektor im Gespräch gewesen. Da dies jedoch Maduro tendenziell politisch zugutekäme (Maduro beschuldige seit Jahren die USA, dass diese einen Wirtschaftskrieg gegen sein Land führe), habe man wohl (zunächst) davon abgesehen.

Die Analysten würden glauben, dass ein US-Export- und/ oder Importverbot lediglich zu einer Umschichtung der Ölhandelsströme führen würde, mit wahrscheinlich nur geringfügigen Auswirkungen auf die globalen Ölpreise. Während derartige Sanktionen die Exporteinnahmen von Venezuela reduzieren würden, wäre der Verlust zu gegenwärtigen Preisen wahrscheinlich unzureichend, um den lokalen Produktionsrückgang zu beschleunigen. Vielmehr sollte die gegenwärtige politische Situation in Venezuela selbst zu einer Beschleunigung der Produktionsrückgänge führen, die den Ölpreis unterstütze, obwohl dies nicht mit einseitigen US-Sanktionen nach zusammenhängen dürfte. Mit jedem Jahr ohne Wirtschaftsreformen dürfte die Ölförderung im Land um weitere 200.000 bis 250.000 Barrel zurückgehen. Genau dies preise der Markt gegenwärtig ein.

Ein Verlust des Zugangs zu den US-Exporten würde Venezuelas Produktionskosten um 1 US-Dollar/Barrel erhöhen. Denn der staatliche Ölkonzern PdVSA sei auf leichteres, weniger schwefelhaltiges Öl (welches das Land hauptsächlich aus den USA beziehe) angewiesen, um das eigene schwerere, Öl zu verdünnen. Sollte dagegen ein Verbot von US-Rohimporten aus Venezuela umgesetzt werden, würde Venezuela ein Rückgang bei den Ölumsätzen von 1,5 US-Dollar/Barrel gegenüberstehen, die dadurch zustande kämen, dass das Öl in andere Destinationen (insb. Indien und China) umgelenkt werden müsse und dadurch höhere Frachtkosten entstünden.

Unter der Annahme, dass sowohl Einfuhr- als auch Exportverbote umgesetzt würden, müsste Venezuela seine Rohölpreise um 1 US-Dollar/Barrel senken, um keine Substitutionsanreize hin zu Öl aus dem Mittleren Osten (teilweise ähnliche Ölqualität) zu schaffen. Die Brentöl-Preise müssten unter 34 US-Dollar/Barrel fallen, um Venezuelas "high-cost" Schwerölproduktion (von 225.000 Barrel/Tag) unrentabel werden zu lassen und dadurch die Produktionsrückgänge zu beschleunigen. Bei gegenwärtigen Ölpreisen würde der Kostenanstieg die Staatseinnahmen von Venezuela um 720 Mio. US-Dollar jährlich reduzieren. Insgesamt würden die Analysten die Ölmärkte gegenwärtig in einer soliden Verfassung sehen, wodurch sich weiteres Preissteigerungspotenzial herauskristallisieren dürfte. (Ausgabe vom 03.08.2017) (04.08.2017/fc/a/m)