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Hurrikans: Negativ für Öl, positiv für Metalle


15.09.17 09:50
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.fondscheck.de) - Die Nordseeölsorte Brent notiert gegenwärtig mit 55 US-Dollar/Barrel auf dem höchsten Stand seit April dieses Jahres, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Dagegen laste auf dem Preis der amerikanischen Sorte WTI noch immer das relative Überangebot infolge der Tropenstürme Harvey und Irma - WTI notiere gegenwärtig bei 48,90 US-Dollar/Barrel. Positiv auf die Preisentwicklung habe gewirkt, dass die Internationale Energieagentur (IEA) ihre Projektionen für die Ölnachfrage erhöht habe. Für dieses Jahr erwarte die IEA nunmehr ein Wachstum von 1,6 Mio. Barrel/Tag im Jahresdurchschnitt (HSH-Prognose: 1,6 Mio. Barrel/Tag). Die Aufwärtsrevidierung komme nicht von ungefähr: Das globale Wirtschaftswachstum schlage die Erwartungen, und weitere Aufwärts-Revisionen in Bezug auf die Konsens-Prognose von 3,5% 2017 und 2018 seien wahrscheinlich. Die eigene Prognose der Analysten der HSH Nordbank AG für beide Jahre betrage 3,75%, von 3,5% zu Jahresbeginn. Die Wachstumsstärke sei eindrucksvoll breit gefächert, wobei insbesondere die Eurozone bisher auf der Oberseite überrascht habe.

Diese spürbar positive Entwicklung schlage sich ebenfalls in der Ölnachfrage nieder. Auch die OPEC habe in ihrem aktuellen Monatsbericht ihre Nachfrageprognose und zugleich ihre Erwartungen des Bedarfs an OPEC-Öl erhöht. So schätze diese u.a. einen Bedarfsanstieg auf 32,83 Mio. Barrel/Tag im kommenden Jahr. Dies entspreche nahezu der August-Produktion der OPEC, die laut Sekundärquellen bei 32,76 Mio. Barrel/Tag gelegen habe. Das bedeute allerdings auch, dass die OPEC ihre Produktion nicht steigern dürfe, um das Gleichgewicht auf dem Ölmarkt sicherzustellen. Ein solches Marktumfeld mache eine Verlängerung der OPEC-Kürzungen erforderlich, bis die globalen Öllagerbestände auf ein Normalniveau zurückgefahren seien und die Terminkurve vollständig in Backwardation sei. Auch die Naturkatastrophen, welche gerade die USA und die Karibik-Staaten heimsuchen würden, dürften eine Verlängerung der Angebotskürzungen, zumindest in der kurzen Frist, erforderlich machen.

Naturkatastrophen hätten typischerweise zwei verschiedene, meist gegenseitig ausgleichende, Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Aktivität einer Volkswirtschaft: Erstens würden diese in der kurzen Frist negativ auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wirken, gefolgt von einer Erholung mittel- bis langfristig auf das Vorkatastrophenniveau oder sogar darüber hinaus. Zweitens sei dies Steigerung der Produktion als Folge der erhöhten Nachfrage durch den Wiederaufbau oder Wiederbeschaffung verloren gegangenen Eigentums. Die positiven Langfristfolgen seien häufig groß genug, um die in der kurzen Frist entstandenen negativen Folgen für die Volkswirtschaft zu kompensieren und die gesamtwirtschaftliche Aktivität auf ein höheres Niveau zu hieven, welches ohne Eintreten der Naturkatastrophe zum gegebenen Zeitpunkt nicht erreicht worden wäre.

Die Auswirkungen von Naturkatastrophen auf die gesamtwirtschaftliche Aktivität habe zwangsläufig auch Konsequenzen für die Rohstoffmärkte. Für die Ölmärkte sei das Ergebnis, dass die Nachfrage von den beiden Hurrikans viel stärker getroffen worden sei als die Angebotsseite. Zwar habe der Tropensturm Harvey, welcher Ende August die US-Golfküste heimgesucht habe, zahlreiche Ölbohranlagen zum Stillstand gebracht, allerdings mehrheitlich der Vorsorge wegen. Hurrikan Irma habe dagegen gar keine Auswirkungen auf die Ölproduktion gehabt. Dagegen hätten beide Tropenstürme negative Auswirkungen auf die Ölnachfrage gehabt.

Für den Monat September erwarten die Analysten der HSH Nordbank AG einen Gesamtverlust aufseiten der Nachfrage von 900 Tsd. Barrel/Tag als Folge der beiden Hurrikans. Im Vergleich dazu seien die Produktionsausfälle in Höhe von 300 Tsd. Barrel/Tag moderat. Dies schaffe in der sehr kurzen Frist ein Überangebot von 600 Tsd. Barrel/Tag und sorge für einen kräftigen Lageraufbau bei Rohöl. Auf der Metallseite sei die zentrale Botschaft, dass die Erholung und der Wiederaufbau die Nachfrage nach Metallen steigern dürften. Im Gegensatz zur Benzin-Nachfrage, wo nicht gefahrene Kilometer wahrscheinlich für immer nicht gefahrene Kilometer bleiben würden, müssten beschädigte Autos und Häuser ersetzt werden, was zu einer höheren Nachfrage nach Metallen und anderen Baustoffen führe. Per Saldo dürfte der Effekt aufseiten der Industriemetalle somit deutlich positiver ausfallen und die Nachfrage nach ihnen in den kommenden Monaten stärker steigen. (Ausgabe vom 14.09.2017) (15.09.2017/fc/a/m)