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Drei Irrglauben über Chinas Wachstumsverlangsamung


05.07.17 11:17
Legal & General IM

London (www.fondscheck.de) - Die chinesischen Neuwahlen Ende dieses Jahres nähern sich mit großen Schritten. Ein Ereignis, das die Aufmerksamkeit von der aktuell ruhigen und stabilen Periode auf die mittelfristig bevorstehenden Herausforderungen lenken könnte. Steht China eine Wachstumsverlangsamung bevor? Erik Lueth, Global Emerging Market Economist bei Legal & General Investment Management, macht im Folgenden reinen Tisch mit drei Irrglauben zur Wachstumsverlangsamung in China und erklärt, warum es dennoch wahrscheinlich ist, dass das Wachstum Chinas schwächeln wird.

Erster Irrglaube: Durch Chinas alternde Gesellschaft werde das Wachstum erlahmen.

Der erste Irrglaube basiere darauf, dass Chinas Wachstum aufgrund der alternden Gesellschaft abnehmen werde. "Längerfristig betrachtet, mag das korrekt sein - allerdings wird dieses Szenario nicht in den nächsten fünf Jahren eintreffen", so Erik Lueth. Als Grund führe er die geringe Prozentpunktzahl an, die Chinas sinkende Arbeitskraft innerhalb des Bruttoinlandsprodukts 2017 ausmache: Gerade mal ein Viertel bis zu einem halben Prozentpunkt. "Zwischen 2018 und 2023 wird die alternde Population von China verschwindend geringen Einfluss auf das Wachstum haben und dadurch kurzfristig für Rückenwind sorgen", fahre Lueth fort.

Zweiter Irrglaube: Chinas Produktivität werde sinken.

Chinas Produktivitätswachstum werde an Geschwindigkeit verlieren, da sich China vom hochproduktionellen Industriesektor zum Dienstleistungssektor mit niedriger Produktivität umorientiere - so laute der zweite Irrglaube. "Wenn wir jedoch von den Erfahrungswerten aus Japan, Korea oder Taiwan ausgehen, wird der Anteil der Industrie auf dem aktuellem Level stabil bleiben. Die meiste Arbeitskraft wird sich vom wenig produktiven Agrarsektor zum hochproduktiven Dienstleistungssektor verschieben und die Produktivität damit ankurbeln," so Lueth.

Dritter Irrglaube: Das Wachstum von Chinas asiatischen Nachbarn hätte sich auf dem Level verlangsamt, das aktuell auch China halte.

Der dritte Irrglaube besage, dass sich das Wachstum von Chinas Nachbarländern auf dem gleichen Entwicklungstand verlangsamt habe, den gerade auch China gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf halte. "Für Japan und Singapur mag das zutreffen, für Taiwan und Korea aber nicht", so Lueth. Außerdem sei es fragwürdig, ob das Pro-Kopf-Bruttoninlandsprodukt ein angemessener Faktor für Chinas Entwicklungsstand sei. "Hinsichtlich der Urbanisierung beispielsweise steht China heute dort, wo Japan 1953 war. Im Umkehrschluss verspricht dies wesentlich höhere Wachstumsraten für die Zukunft", schlussfolgere der Experte.

"Trotz dieser drei Irrtümer glauben wir dennoch, dass Chinas Wachstum sich von jetzt an verlangsamen wird - allerdings aus einem ganz anderen Grund. Chinas Aufschwung geht von einer Kreditblase mit historischer Ausmaßen aus, die das Wachstum ausbremsen könnte, sobald die chinesische Wirtschaft ihre Schulden abbaut", fahre Lueth fort. "Kreditzyklen sind sehr lang, aber es handelt sich immer noch um Zyklen, während die drei Irrglauben sich auf das Trendwachstum beziehen. Nichtsdestotrotz verfügt China weiterhin über sehr viel verstecktes Wachstumspotenzial. Dieses könnte das schleichende Wachstum ausgleichen, sobald der Entschuldungsprozess beginnt." (05.07.2017/fc/a/m)