Investment: Staaten in Osteuropa und Südosteuropa vor neuem Wachstumsschub


12.04.18 14:30
AnlegerPlus

München (www.fondscheck.de) - Politische Konfrontation mit Russland, Auseinandersetzungen innerhalb der EU mit Ländern wie Ungarn und Polen um die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien, grundlegende Differenzen in der Flüchtlingspolitik - eine Vielzahl von politischen Spannungsfeldern bestimmt aktuell die öffentliche Wahrnehmung von Osteuropa, so Stefan Riedel in der aktuellen Ausgabe der "AnlegerPlus News".

Weniger beachtet werde dagegen der wirtschaftliche Aufschwung, der seit zwei Jahren wieder Fahrt aufgenommen habe. Getragen werde diese Entwicklung von der konjunkturellen Erholung in Europa. Mit ihren niedrigeren Lohnkosten würden die osteuropäischen Staaten attraktive Produktionsstandorte für die verarbeitende Industrie in den Ländern der Eurozone stellen. Zugleich seien sie wachsende Absatzmärkte für Konsumgüter. Russland wiederum habe dank der erneut anziehenden Erdöl- und Rohstoffpreise die Rezession hinter sich gelassen.

"Es sieht danach aus, dass sich der über die gesamte Region Osteuropa verteilte wirtschaftliche Aufschwung auch in diesem Jahr fortsetzt. Die Reallöhne werden im hohen einstelligen Bereich zulegen und im Verbund mit einer Beinahe-Vollbeschäftigung, hohem Verbrauchervertrauen und steigenden Immobilienpreisen das Wachstum weiter befeuern ", meine Colin Croft, Portfolio Manager bei Jupiter Asset Management. Laut Schätzungen werde das Bruttoinlandsprodukt der meisten osteuropäischen Staaten 2018 und 2019 doppelt so hoch wachsen wie in den Kernländern der Eurozone. Dieser positive Aufwärtstrend spiegle sich in der Kursentwicklung der einzelnen Börsenbarometer unterschiedlich wider. Gerade "Exoten"-Börsen mit niedriger Liquidität hätten zuletzt am meisten zugelegt.

Im Vergleich zu den Boomjahren vor der Finanzkrise hätten die meisten Staaten in der Region ihren Staatshaushalt konsolidiert und die Inflation unter Kontrolle gebracht. Bleibe die Frage, wie sich künftige Wettbewerbsfähigkeit im Zeichen der Globalisierung realisieren lasse. "Neue Wachstumsquellen jenseits dieses Outsourcings in der verarbeitenden Industrie zu erschließen, bleibt die größte Herausforderung für die meisten Staaten", meine Sebastian Kahlfeld, Fondsmanager bei DWS.

Ein Fragezeichen bleibe zudem die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Erholung in Russland. Positiv sehe Fondsmanager Croft, dass die Regierung der langfristigen Stabilität eine höhere Priorität als in der Vergangenheit einräume: "Seit sich die Ölpreise wieder erholt haben, hat die Regierung darauf geachtet, dass die Währung nicht zu stark abgewertet wurde. Dank dieser Geldpolitik ist die Inflation in den niedrigen einstelligen Prozentbereich gesunken. Als nächster Schritt wurden die Leitzinsen gesenkt, was es den russischen Bürgern erleichtert, wieder Hypotheken für Darlehen aufzunehmen." Davon würden Geldhäuser wie die Sberbank profitieren, die in Crofts Aktienfonds Jupiter New Europe L auch die größte Position bilde.

Skeptischer sehe es DWS-Fondsmanager Kahlfeld, der in absehbarer Zeit keine Lösung der strukturellen Probleme erwarte, vor allem im Hinblick auf eine stärkere Diversifizierung der Wirtschaft. Hier zeige die Türkei für Kahlfeld, der unter anderem den Investmentfonds DWS Türkei (ISIN LU0209404259 / WKN A0DPW3) manage, ein ganz anderes Bild. "Das Wirtschaftswachstum wird durch mehr Sektoren getrieben als in Russland, basiert aber auf starker Einflussnahme durch den Staat." Nach der Wachstumsdelle von 2016 habe die türkische Wirtschaft 2017 mit 7,4% ungeachtet der politischen Turbulenzen das größte Wachstum seit vier Jahren hingelegt. Treibende Kräfte für diesen Boom seien die gestiegenen staatlichen Investitionen in Kombination mit dem weiter anziehenden Binnenkonsum gewesen. Als größte Problemfelder sehe Kahlfeld die rapide Abwertung der Währung, die anhaltend hohe Inflation und das hohe Leistungsbilanzdefizit.

Für Investments in Osteuropa und Südosteuropa würden der anhaltend stabile Ölpreis, die sich insgesamt verbessernden volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Dividendenstabilität bei vielen Firmen und die selbst im Schwellenländervergleich weiterhin günstige Bewertung sprechen. Wer in Osteuropa investiere, müsse allerdings eine Vielzahl an Faktoren berücksichtigen. Dazu würden länderspezifische Eigenheiten im Hinblick auf politische Stabilität und den wirtschaftlichen Reformprozess gehören. Aber auch außenpolitische Risiken würden eine große Rolle spielen, wie sich jüngst an der Börse Russland gezeigt habe. Überraschend neue US-Sanktionen hätten am Montag in Moskau einen Börsenchrash ausgelöst. Der Leitindex RTS sei um mehr als 12% abgestürzt.

Die Börsenindices der einzelnen Länder seien ein Spiegelbild der jeweiligen Volkswirtschaft: Während in Russland etwa Öl- und Gaskonzerne den Ton im Leitindex angeben würden, würden in Polen oder Ungarn die Banken dominieren. Die Börse Istanbul wiederum biete für Anleger ein breites Spektrum an Branchen. Darüber hinaus würden nicht alle Länderbörsen das für internationale Investoren notwendige Mindestmaß an Transparenz und Liquidität mitbringen. Wegen der Vielzahl an Risikofaktoren, so Fondsmanager Kahlfeld, würden die osteuropäischen Märkte von der Bewertung mit einem größeren Risikoabschlag versehen als andere Schwellenmärkte-Regionen wie Ostasien.

Lege man den MSCI Emerging Markets Europe als wichtigsten Aktienindex für die Region zugrunde, seien sechs Staaten für Anleger relevant. Dominant sei Russland, das zum Kursbarometer knapp die Hälfte beisteuere. Polnische und türkische Aktien würden etwa je ein Fünftel beitragen, die übrigen 13% würden auf griechische, ungarische und tschechische Titel entfallen. Als Beimischung in Aktienfonds kämen Unternehmen aus den baltischen Staaten, Südosteuropa oder Georgien. Auf Branchenebene lasse sich über die Sektoren Verbrauchsgüter und langlebige Konsumgüter der anziehende Binnenkonsum spielen. Auch die Finanzbranche sei interessant, da sie sich für gewöhnlich im Gleichlauf mit dem Wirtschaftswachstum entwickle. Telekomkonzerne, Versorger und Energiekonzerne seien in unterschiedlicher Ausprägung noch in staatlicher Hand, würden im Gegenzug aber hohe Dividenden ausschütten.

Ausgewählte ETFs und Aktienfonds böten die besten Renditechancen bei ausbalancierten Risiken. Ein Basisinvestment unter den ETFs sei der Lyxor Eastern Europe. Das Produkt umfasse Titel aus Polen, Ungarn, Österreich und der Tschechischen Republik. Die am stärksten vertretenen Branchen seien der Finanzsektor, die Energiewirtschaft und die Versorger. Der in US-Dollar notierende iShares MSCI Eastern Europe Capped ETF steche dagegen durch eine hohe Russland-Gewichtung heraus: Die vier größten Positionen kämen aus dem russischen Öl- und Bankensektor.

Unter den Investmentfonds zeichne sich der 2014 aufgelegte SEB Eastern Europe Small Cap durch die Verbindung von Outperformance und niedrigen Kosten aus. Mit knapp 26% und 22% würden russische und türkische Aktien die größten Länderpositionen im breit gestreuten Fondsportfolio stellen, gefolgt von Kasachstan mit 9%. Rund ein Viertel der Unternehmen würden aus Westeuropa stammen, würden aber einen Großteil ihrer Umsätze in Osteuropa erwirtschaften.

Der Amundi Osteuropa Stock T setze von seiner Ländergewichtung schwerpunktmäßig auf Russland, Polen und die Türkei. Mit großem Abstand auf Branchenseite am höchsten gewichtet seien die Finanztitel mit 42%, gefolgt von Rohstoff- und Energiekonzernen. (Ausgabe 4/2018) (12.04.2018/fc/a/f)






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