Edelmetalle: Warum Gold es dieser Tage so schwer hat, Gehör zu finden


07.09.21 11:43
SIGNAL IDUNA AM

Hamburg (www.fondscheck.de) - Schüler kennen diese Situation: Seit gefühlt zehn Minuten melden sie sich, ungeduldig schnippend, die ausgestreckte Hand hin- und herschwingend; sie sind überzeugt, die richtige Antwort zu kennen - aber der Lehrer schaut wiederholt an ihnen vorbei und nimmt stattdessen ihre Mitschüler der Reihe nach dran, so Nico Baumbach, der im Fonds- und Portfoliomanagement der SIGNAL IDUNA Asset Management tätig ist und unter anderem den Goldfonds HANSAgold und den Edelmetall-Mischfonds HANSAwerte verantwortet.

So ähnlich gehe es - und das nicht erst seit zehn Minuten, sondern einigen Monaten - Anlegern, die die Goldposition in ihrem Depot betrachten und sich fragen würden, wann der Markt bitteschön erkenne, dass Gold die richtige oder zumindest eine richtige Antwort auf die Fragen dieser Zeit sei.

Denn Fragen würden die aktuellen Verhältnisse durchaus bereithalten. Die Drängendste und für die Motivation vieler Goldanleger sicherlich Entscheidendste sei die nach der Entwicklung der Inflation und der Zinsen. Dass beide nicht mehr zwingend in dieselbe Richtung marschieren müssten, sollten Anleger der Eurozone in den nunmehr zwanzig gemeinsamen Jahren mit der EZB verinnerlicht haben: Geldwertstabilität stehe in der Agenda der EZB nicht mehr auf dem vordersten Platz.

Insofern sei es nicht verwunderlich, dass sich der Realzins, also das, was einem Zinsgläubiger nach Abzug der Inflation bleibe, in der Eurozone in den vergangenen Monaten stärker in den negativen Bereich entwickelt habe. Auf der anderen Seite des Atlantiks sehe die Situation ähnlich aus - allerdings sende die FED deutliche Signale, ihren geldpolitischen Kurs im Anblick von Inflation und Konjunktur verschärfen zu wollen.

Betrachte man die Erwartungen der Marktteilnehmer an die Entwicklung der Inflation, so steige diese Erwartung seit dem Tief zu Beginn der Corona-Pandemie für die Eurozone wie für die USA um jeweils rund einen Prozentpunkt an. Damit würden jedoch gerade einmal wieder die Niveaus der Jahre 2017 und 2018 erreicht. Die jüngsten harten Fakten und die gefühlte Inflation lägen unterdessen deutlich höher. Gleichwohl würden es die Marktteilnehmer für nicht unmöglich halten, dass die EZB ihre Zinsen sogar weiter leicht senken könnte. Von der FED werde unterdessen eine zaghafte Zinsanhebung erwartet.

Was würden diese unterschiedlichen inflationären wie geldpolitischen Geschwindigkeiten für den von Gold überzeugten Anleger bedeuten? Die Realzinsen dürften weiter auseinander driften und dem US-Dollar zusätzlichen Auftrieb verleihen, was bei ansonsten unveränderten Annahmen den in US-Dollar notierten Goldpreis drücken sollte. Für den in Euro rechnenden Gold-Anleger bliebe das aufgrund des parallelen Währungsgewinns zunächst ohne Konsequenzen.

Ob es abseits der zins- bzw. währungsinduzierten Goldpreisbewegung zu einem Impuls für die Wertentwicklung des Edelmetalls komme, werde das tatsächliche Nachfrageverhalten bestimmen.

Dieses werde in weiten Teilen durch die Anlagealternativen beeinflusst. Dazu würden derzeit vor allem Aktien zählen, die als ebenso liquider und kleinteilig handelbarer Sachwert gelten würden. Die abnehmende Volatilität in Verbindung mit einer seit bald achtzehn Monaten anhaltenden Aufwärtsbewegung vermittle Aktienkäufern ein Bild reduzierter Risiken - und lasse die Notwendigkeit, das eigene Portfolio auch in Richtung Gold zu diversifizieren, in den Hintergrund treten würden.

Insofern bedürfe es hier wohl zunächst eines Erweckungserlebnisses in Form eines kräftigen Kursrückgangs, bevor überzeugte Goldanleger erwarten dürften, dass der breite Markt ihre Einschätzung hinsichtlich der Relevanz des Edelmetalls teile.

Das aber sollte niemanden stören. Denn Gold sei als Unfallversicherung für das eigene Depot eine dauerhafte Antwort auf die Fragen, die Wirtschaft, Politik und das Leben über die Jahrhunderte gestellt hätten. Die Bedeutung des Wissens um die richtige Antwort auf die Frage des Lehrers reiche hingegen selten über die jeweilige Schulstunde hinaus. (07.09.2021/fc/a/f)





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