Janus Henderson Fonds: Kann sich die Gesundheitsbranche von "Medicare für alle" erholen?


17.05.19 10:30
Janus Henderson Investors

London (www.fondscheck.de) - Ein Gesetzesvorschlag zur Ausweitung von Medicare und Abschaffung privater Krankenversicherungen in den USA hat US-Gesundheitsaktien zuletzt herbe Kursverluste beschert - Andy Acker, Portfoliomanager des Janus Henderson Global Life Sciences Fund und des Janus Henderson Horizon Biotechnology Fund (ISIN LU1897414303 / WKN A2N85V), und Rich Carney, Research Analyst im Global Life Sciences Team bei Janus Henderson Investors, erläutern, was dies für Anleger bedeutet.

Für Gesundheitsaktien seien die letzten Woche einer Rosskur gleichgekommen. Am 10. April habe Senator Bernie Sanders, einer der Anwärter der Demokraten auf das Rennen um das Weiße Haus im nächsten Jahr, einen Vorschlag für ein "Medicare-for-all"-Krankenversicherungssystem präsentiert. Sein Plan sehe vor, die private Krankenversicherung zu eliminieren und Medicare, das landesweite Krankenversicherungsprogramm für Menschen ab 65 Jahren, auf alle Amerikaner auszuweiten.

Kaum verwunderlich, dass die Kurse von Managed-Care-Aktien eingebrochen seien: Vom 10. bis 18. April hätten sie nahezu zehn Prozent eingebüßt. Auch andere Teilbranchen seien vom Kurssturz erfasst worden, darunter Biotechnologie und Pharma, die im selben Zeitraum sieben bzw. vier Prozent verloren hätten. Unter dem Strich trete der Gesundheitssektor damit seit Jahresbeginn auf der Stelle, während sich das Plus für den S&P 500-Index auf 16 Prozent summiere (Quelle: Bloomberg, Stand: 18. April 2019. Renditen in US-Dollar.)

Dass Anleger die Sorge umtreibe, wie es in der Gesundheitsbranche in den USA weitergehe, sei nur zu verständlich. Dabei sei der "Medicare für alle"-Vorschlag beileibe nicht der erste Plan für eine Ein-Kostenträger-Krankenversicherung in den Vereinigten Staaten. Sanders aber gehöre derzeit zu den aussichtsreichsten Bewerbern um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Zudem sei sein Gesetzentwurf von anderen prominenten demokratischen Anwärtern unterstützt worden, darunter die Senatoren Kirsten Gillibrand, Elizabeth Warren und Cory Booker. Daher stehe zu vermuten, dass die Gesundheitsreform eines der zentralen Wahlkampfthemen in den nächsten zwölf bis 18 Monaten sein werde. Darüber hinaus nutzte die UnitedHealth Group, eine der größten Privatversicherungen in den USA, die Präsentation ihres Quartalsergebnisses im April, um sich öffentlich mit dem Vorschlag auseinander zu setzen, was Anleger noch mehr zu verschrecken schien, so die Experten von Janus Henderson Investors.

Dass eine Krankenversicherung für alle in Amerika Realität werden könnte, würden die Experten von Janus Henderson Investors jedoch für unwahrscheinlich halten. Und das aus diversen gewichtigen Gründen:

Fehlende Unterstützung über Parteigrenzen hinweg: Auch wenn sich einige Präsidentschaftsbewerber für den Vorschlag mächtig ins Zeug legen würden, würden einflussreiche Demokraten im Repräsentantenhaus wie im Senat noch zögern, ihn zu unterstützen. Dazu zähle auch die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi, die nach eigenem Bekunden lieber die Gesundheitsreform des früheren Präsidenten Obama verbessern wolle. Derweil würden die Managed-Care-Unternehmen über enorme Lobbymacht und erhebliche finanzielle Mittel verfügen, mit denen sie gegen den Gesetzentwurf zu Felde ziehen könnten.

Erhebliche Kosten: Was es kosten würde, das amerikanische Gesundheitssystem auf eine Einheitskrankenversicherung umzustellen, wisse niemand so genau. Einigen Schätzungen zufolge könnten die Gesundheitsausgaben in den nächsten zehn Jahren um etliche Billionen Dollar steigen, je nachdem, welche Leistungen gewährt würden und wie hoch die Kostensätze für Krankenhäuser und andere Gesundheitsanbieter ausfallen würden. Andere Schätzungen würden von einem Rückgang der Kosten ausgehen.

Die Ausgestaltung der Leistungen und die Höhe der Kostensätze seien die Knackpunkte. Heute würden die Zahlungen privater Krankenversicherungen an Krankenhäuser und andere Gesundheitsanbieter dazu beitragen, die von Medicare ausgehandelten niedrigeren Tarife zu subventionieren. Müssten sie die geringeren Medicare-Sätze künftig für alle Leistungen akzeptieren, würden vielen Ärzten wohl Einkommenseinbußen oder gar der Verlust ihres Arbeitsplatzes drohen. Etliche Krankenhäuser - von denen die meisten nicht gewinnorientiert betrieben würden - müssten vermutlich von heute auf morgen ihre Pforten schließen.

Aber auch wenn das staatliche Gesundheitsprogramm Medicare auf breite Zustimmung stoße, habe es doch diverse Schwachstellen. Eine der größten sei der Treuhandfonds, der für die stationären Krankenhausleistungen im Rahmen von Medicare aufkomme und dem Prognosen zufolge 2026 wohl das Geld ausgehen werde. Um den Fonds aufzustocken, müsste die Lohnsteuer erheblich angehoben oder aber die Leistungen massiv gekürzt werden.

Unbehagen der Verbraucher: Mit der Verabschiedung von Obamacare sei deutlich geworden, dass die meisten Amerikaner keine Abstriche bei ihren bestehenden Gesundheitsleistungen machen oder den Arzt ihres Vertrauens wechseln möchten. Mehr als jeder achte Amerikaner sei bereits entweder über seinen Arbeitgeber, über Medicaid oder Medicare versichert, wie die Kaiser Family Foundation ermittelt habe. Dieses System abzuschaffen, hätte wohl gravierende Folgen und würde einen erheblichen Rückschritt bedeuten.

Alles in allem würden die Experten von Janus Henderson Investors die Wahrscheinlichkeit, dass der Vorschlag einer Krankenversicherung für alle Gesetzeskraft erlange, für sehr gering halten (weniger als fünf Prozent). Gesundheitsaktien hätten jedoch zunächst so reagiert, als läge die Wahrscheinlichkeit bei 20 bis 30 Prozent. In der Zwischenzeit habe der Sektor etwas Boden wieder gutgemacht. Aufgrund dieser Diskrepanz seien viele Aktien aus der Gesundheitsbranche aus Sicht der Experten nun attraktiv bewertet. Viele Firmen, die wir zu den Qualitätsaktien zählen und denen wir erhebliches Wachstumspotenzial zutrauen, werden aktuell mit hohen Abschlägen gegenüber dem Markt gehandelt, so die Experten von Janus Henderson Investors.

Vor allem aber würden die Experten von Janus Henderson Investors glauben, dass die Fundamentaldaten im Managed-Care-Bereich nach wie vor solide seien. In den letzten Jahren sei es den Anbietern von Gesundheitsplänen gelungen, ihren Marktanteil auszubauen, indem sie ihre integrierten Leistungen mithilfe von Technologie verbessert hätten. Ihren Patienten hätten sie so einen Mehrwert bieten und zugleich die Kosten senken können. Derartige Initiativen hätten die Umsatzerlöse vieler Krankenversicherer stetig steigen lassen, die wiederum ihre Dividenden aufgestockt und vermehrt Aktien zurückgekauft hätten. Das schlage sich in steigenden Kursen nieder.

Zugleich erlebe der Gesundheitssektor als Ganzes nach Einschätzung der Experten von Janus Henderson Investors derzeit eine Phase beispielloser Innovationen, beflügelt durch ein besseres Verständnis des menschlichen Genoms und neuer Behandlungsmethoden. Antikörper- und Gentherapien seien nur zwei Beispiele dafür. Durch den Fortschritt in der Medizintechnik sei es inzwischen möglich, defekte Herzklappen ohne Operation am offenen Herzen zu reparieren. Roboter würden zunehmend minimal-invasive Eingriffe mit noch größerer Präzision als bisher ermöglichen. Im vergangenen Jahr habe die US-Arzneimittelbehörde FDA 59 neue Therapien zugelassen, so viele wie noch nie in einem Jahr. Auch für dieses Jahr würden die Experten mit weiteren spannenden Zulassungen rechnen.

Bedauerlicherweise könnte die Unsicherheit rund um die Gesundheitsreform auf kurze Sicht die Kurse in der Branche stärker beeinflussen als die Fundamentaldaten. Anleger sollten sich daher auf vermehrte Schwankungen einstellen. Aus Sicht der Experten von Janus Henderson Investors gebe es jedoch auch Wege, die Ausschläge zu minimieren. Dazu sollten sich Anleger auf Unternehmen konzentrieren, die innovative Medikamente für bislang unbehandelbare Krankheiten entwickeln würden. Die Kosten für Therapien, mit denen der aktuelle Versorgungsstandard deutlich verbessert werde, dürften unabhängig vom politischen Umfeld rückerstattet werden. Zudem gebe es etliche Unternehmen, die die aktuelle Debatte um das künftige Krankenversicherungssystem nicht betreffe. Darunter all jene, die einen erheblichen Teil ihrer Umsatzerlöse außerhalb der USA genieren oder Produkte wie Kontaktlinsen oder kosmetische Behandlungen anbieten würden, für die ohnehin keine Krankenversicherung aufkomme. Gleiches gelte für die Tiergesundheitsbranche.

Die Experten von Janus Henderson Investors seien der festen Überzeugung, dass die private Krankenversicherung in den USA kein Auslaufmodell sei. Aber an Reformen gehe wohl kein Weg vorbei. So habe die Trump-Regierung bereits eine Änderung für Medicare vorgestellt. Demnach sollten die Hersteller einen Teil der Rabatte, die beim Kauf von Medikamenten nach aktueller Praxis an Arzneimitteleinkaufsorganisationen, Großhändler und andere Glieder der Arzneimittellieferkette fließen würden, an Senioren weitergeben. Zudem erwäge Washington einen Gesetzesvorschlag, nach dem die zwischen Krankenhäusern und Gesundheitsplananbietern vereinbarten Preise offen gelegt werden müssten. Auf lange Sicht würden die Experten glauben, dass solche Initiativen für die dringend benötigte Transparenz in einem hochkomplexen und kostenintensiven System sorgen könnten, das zurecht den Zorn der Verbraucher auf sich gezogen habe. Unternehmen, denen solche Reformen zugute kämen, sei es durch Innovationen, Effizienzsteigerungen, Kostensenkungen oder besseren Zugang zur medizinischen Versorgung, könnten sich als gut positioniert und damit interessante Anlagechance erweisen. (Ausgabe vom 02.05.2019) (17.05.2019/fc/a/f)





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