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Nach Griechenland-Wahlen: Das sagt die Fondsbranche


26.01.15 14:28
FONDS professionell

Wien (www.fondscheck.de) - Nach seinem historischen Wahlsieg kündigt Syriza-Chef Alexis Tsipras ein neues Kapitel für Griechenland und das Ende der Sparpolitik an - und viele Marktteilnehmer fragen sich wieder einmal, wie es mit Griechenland und der Eurozone weitergeht, so die Experten von "FONDS professionell".

"Eine Woche mag gemessen an der britischen Politik ein langer Zeitraum sein, aber in der Eurozone wurden nun gerade einmal vier Tage von zwei historischen Events eingerahmt", so Lucy O’Carroll von der schottischen Fondsgesellschaft Aberdeen. Die Ökonomin nehme in ihrem Statement Bezug auf das am Freitag beschlossene Kaufprogramm der EZB - und die Wahl einer radikal linken Regierung in Griechenland.

Syriza-Chef Alexis Tsipras habe das Ende der Ära verkündet, in der sich Griechenland den internationalen Gläubigern beuge. Sein Linksbündnis habe sich bei den Parlamentswahlen in Griechenland gegen die Partei von Ministerpräsident Antonis Samaras durchgesetzt - getragen vom Unmut der Bevölkerung nach jahrelangen Haushaltskürzungen. "Es wird weder einen katastrophalen Zusammenbruch geben, noch wird ein fortwährendes Katzbuckeln akzeptiert werden", so der 40-jährige Tsipras. "Wir sind uns völlig bewusst, dass uns das griechische Volk keine Blankovollmacht gegeben hat, sondern ein Mandat für eine nationale Wiedergeburt."

Der Sieg von Syriza sei deutlicher ausgefallen, als Umfragen signalisiert hätten. Das Wahlergebnis habe Tsipras den klaren Auftrag gegeben, sich dem Sparprogramm Griechenlands entgegenzustellen, welches im Gegenzug für die seit Mai 2010 erfolgten Hilfen im Umfang von insgesamt 240 Mrd. Euro vereinbart worden sei.

"Die Höhe des Wahlsiegs von Syriza und die ersten Schritte hin zu einer Koalition mit den "Unabhängigen Griechen", deuten darauf hin, dass Alexis Tsipras in harte Verhandlungen mit der Troika eintreten wird", so Lucy O’Carroll, Chefvolkswirtin Investment Solutions bei Aberdeen Asset Management. "Allerdings bleiben die griechische Wirtschaft und das griechische Finanzsystem von externer Unterstützung abhängig. Und somit dürfte ein Kompromiss weiterhin das wahrscheinlichste Ergebnis der Nachverhandlungen sein. Die Kluft zwischen Syriza und der Troika ist dennoch groß und der Weg zu einer Einigung bleibt unklar. Vor diesem Hintergrund dürften die Märkte nervös bleiben auch wenn die quantitative Lockerung in der Zwischenzeit eine Stütze bieten sollte."

"Das Ergebnis der Wahl in Griechenland ist schlimmer ausgefallen als erwartet", so Steen Jakobsen, Chefvolkswirt bei der Saxo Bank. "Griechenland hat keine große Wahl: Entweder die Vorgaben der Troika erfüllen, oder den Euro aufgeben." Letzteres werde aber wohl kaum die gleiche Unterstützung bekommen, wie die Ablehnung des Sparkurses. Nun käme es darauf an, wie Deutschland, die EU und die EZB darauf reagieren würden. "Die Märkte werden auf die Reaktion der Gläubiger warten, bevor es große Bewegungen gibt", so Jakobsen.

"In Griechenland ist das Sparprogramm bereits abgeschlossen. Die griechische Regierung erreicht einen Primärüberschuss und steht damit kurz vor ihrem Ziel", so Azad Zangana, Senior European Economist & Strategist von Schroders, bereits im Vorfeld der Parlamentswahlen. "Falls Syriza beschließt, einen geringeren Primärüberschuss zu erzielen, zum Beispiel durch eine lockere Fiskalpolitik, könnte das einen Rückschritt bedeuten. So würde eine Erhöhung des Mindestlohns um 30 Prozent die Arbeitslosigkeit in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Das wäre ein Desaster, und langfristige internationale Investoren würden ins Ausland abwandern."

"Die zentralen Forderungen von Syriza im Wahlkampf, ein Ende der Sparpolitik sowie ein weiterer Schuldenschnitt für Griechenland, stellen einen schwierigen Ausganspunkt für die weiteren Verhandlungen dar", so Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der Frankfurter DZ BANK. "Ein weiterer Schuldenschnitt für Griechenland wäre für den Euroraum mittelfristig sicherlich sehr schwierig." Trotz aller Schwierigkeiten blicke Bielmeier den Verhandlungen mit Griechenland gelassen entgegen. "Der institutionelle Rahmen im Euroraum ist gefestigt", habe er gesagt.

"Griechenland braucht möglichst rasch eine neue, handlungsfähige Regierung. Alle Beteiligten sollten deshalb schnell den 'Wahlkampfmodus' verlassen", fordere Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. "Selbst wenn im Wahlkampf vermeintlich einfache "Lösungen" propagiert wurden, es führt kein Weg daran vorbei: Überwinden lässt sich die Krise nur mit umfassenden Strukturreformen. Griechenland braucht international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für Unternehmen und private Investitionen, eine funktionsfähigere Finanzverwaltung und einen effizienteren Staatsapparat. Das liegt im ureigenen Interesse des Landes. Es ist daher eine Illusion anzunehmen, ein neuerlicher Schuldenschnitt sei der Königsweg. Im Gegenteil: Ohne eine konsequente Reformpolitik steht Griechenland nach einer kurzen Verschnaufpause in wenigen Jahren wieder vor der gleichen schwierigen Lage."

Griechenland habe "alle Vorbereitungen getroffen, um sich selbst aus der Eurozone zurückzuziehen", so Finanzanalyst Antonio Sommese. Denn losgelöst davon, welche politische Partei das Sagen habe, sei das dringendste Problem des Landes die katastrophale Finanzlage. Griechenland müsse bis Ende März bis zu 4,3 Mrd. Euro an Krediten zurückzahlen - davon allein 2,8 Mrd. an den IWF.

Diesen Verpflichtungen könne Griechenland nur nachkommen, wenn das zweite EU-Hilfsprogramm bis 28. Februar ordnungsgemäß abgeschlossen sei. Und genau dies halte Sommese nun für "äußerst fraglich". Dies wäre nämlich nur möglich, wenn die neue Regierung mit der in Athen sehr unbeliebten Troika eine Einigung zu den noch nicht umgesetzten Reformen, etwa am Arbeitsmarkt oder bei der Mehrwertsteuer, erziele. "Wenn Griechenlands neuer Polit-Superstar Alexis Tsipras auch nur an der Hälfte dessen, was er im Wahlkampf verkündet hat, festhält, scheint ein Kompromiss mit der Troika ausgeschlossen", so Sommese.

Vielmehr, so prognostiziere er, werde die neue griechische Regierung lauthals nach einem Schuldenschnitt rufen - "und den können die EU-Partner niemals gewähren, weil sie damit einen Präzedenzfall auch für andere Staaten schaffen würden." Die Beschaffung neuer Mittel auf den Kapitalmärkten dürfte Griechenland ebenfalls nicht gelingen, die Wahlen haben die Zinsen für Anleihen des Landes schon jetzt in die Höhe getrieben. "Das so genannte Dreckige Ende steht zu befürchten", so Finanzexperte Antonio Sommese, und verdeutliche, was er damit meine: "Staatsbankrott, Sturm auf die Banken, Zusammenbruch der Institute, Austritt aus dem Euro und Wiedereinführung der Drachme."

"EZB-Präsident Mario Draghi hat am vergangenen Donnerstag mit dem QE-Programm mehr "geliefert", als von ihm erwartet worden war. Das dürfte helfen, die absehbaren Turbulenzen, die sich aus der Griechenland-Wahl ergeben können, zu dämpfen", würden Ulrike Kastens und Martin Moryson, Ökonomen von Sal. Oppenheim, zur gestrigen Wahl in Griechenland sagen. "Die Kapitalmärkte sind von der großzügigen Dosis Quantitative Easing so betäubt, dass sie den möglichen Stress zumindest akut besser ertragen können."

"Gleichzeitig hat die EZB den Druck auf Griechenland hoch gehalten, indem der griechische Staat aufgrund der 33-Prozent-Klausel erst einmal nicht in den Genuss der Staatsanleihekäufe kommt. (…) Wir rechnen nicht mit einem unmittelbaren Grexit. Gleichwohl werden die anstehenden schwierigen Verhandlungen die Märkte wieder über längere Zeit in Atem halten und die Unsicherheit in die Höhe treiben. Außerdem darf man die potentiellen Ausstrahleffekte auf andere Länder in der Eurozone nicht unterschätzen. All dies kann die Risiko-Einschätzung der Anleger verändern und sie in der Ausrichtung ihrer Kapitalanlage insgesamt defensiver werden lassen."

"Trotz vieler Befürchtungen rund um die Griechenlandwahl sprechen einige Gründe dafür, dass die Auswirkungen für europäische Anleger und das Wirtschaftswachstum eher gering sein werden", meine Paras Anand, Leiter des europäischen Aktienteams bei Fidelity Worldwide Investment. "Der Wahlsieg könnte als Indiz dafür gesehen werden, dass populistische Parteien in Europa den gleichen Erfolg erzielen können und damit die Währungsunion zerbrechlicher wird", so Anand.

Zur Frage nach der Ansteckungsgefahr auf andere Krisenstaaten der Eurozone habe Anand gesagt: "In den vergangenen gut drei Jahren haben die Finanzinstitute der Eurozone Kapital aufgebaut und gegenseitige Verflechtungen reduziert. Der jüngste Stresstest hat gezeigt, dass die Banken im Großen und Ganzen deutlich besser für Krisen gerüstet sind als noch 2011. Das heißt natürlich nicht, dass die Risiken in der Eurozone komplett gebannt sind. Es heißt jedoch, dass lokale Krisen heute weit weniger die Gefahr bergen, sich sofort auf die Risikoprämien der gesamten Region auszuwirken." (26.01.2015/fc/a/m)